Ausstellungen: Berlin · von Matthias Reichelt · S. 263
Ausstellungen: Berlin , 2004

MATTHIAS REICHELT

Philip Wiegards „Bar“ und die Geschichte des SOX36

SOX36, Berlin, 12.3. – 12.4.2004

Walter Benjamin und Franz Hessel hätten ihre Freude gehabt am lesenden Flanieren im heutigen Kreuzberg. Trotz aller Unkenrufe hat der Bezirk und vor allem seine sehr widerläufige Populationsmischung aus Kleinbürgertum, gestrandeten Systemrebellen, aufsteigenden Künstlern, arrivierten Szenestars, proud-to-be-turkish-gangs einer allzu drastischen Ummodelung oder cooler im Soziologendeutsch Gentrification widerstanden. Bislang noch! Vielleicht ist der Bezirk auch nur noch nicht so richtig in die Schusslinie von Kapitalinteressen geraten, weil überall in Berlin leer stehende Gewerbeimmobilien zuhauf rumstehen, ohne dass sich irgendwelche nur halbwegs vernünftige und seriöse Nutzungsmöglichkeiten am Horizont abzeichnen würden?

Auf jeden Fall hat sich Kreuzberg im Schatten des architektonischen Witzes, genannt Potsdamer Platz, einen wohltuenden Konservatismus bewahrt. Wie ein Palimpsest legen sich die verschiedenen Zeichen, Codes und Atmosphären über- und verschieben sich ineinander zu einem eigenartigen Gebilde. Und en passant oder als apropos bemerkt der Flaneur die integrierte Straßenkunst. Sie kommt nicht so laut, bunt und dümmlich daher wie die im Stadtzentrum verteilten Bären. Läuft man vom Kottbusser Tor kommend die Adalbertstraße gen Norden und biegt links in die Oranienstraße ein, passiert man ca. 20 Meter später drei Schaufenster, denen jedoch keine Läden angeschlossen sind. Im mittleren erkennt man einen verlassenen Barraum. Die Lichter über dem Tresen sind noch an, Personal und Besucher scheinen aber schon das Weite oder besser gesagt das Bett aufgesucht zu haben. Die verwaisten Bierflaschen zeugen von einer durchzechten Nacht. Stößt der Passant abends auf die Barszene, könnte er kurz glauben, dass die Tresenhocker und -steher…

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von Matthias Reichelt

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