Gespräche mit Künstlern , 2004

GUNTER DEMNIG

DEZENTRALES MAHNMAL

EIN GESPRÄCH MIT JÜRGEN RAAP

Gunter Demnig wurde mit Arbeiten im öffentlichen Raum bekannt. Er legte 1980 von Kassel aus „Duftmarken“ nach Paris und 1981 eine „Blutspur“ nach London. Er spannte 1982 einen roten Ariadne-Faden von Kassel bis nach Venedig, vergrub 1984 „Landschaftskonserven“ im Boden und wanderte 1986 die Kölner Stadtgrenze ab: Dort richtete er an verschiedenen Stellen die Kamera immer auf den Dom aus und machte von dieser Position ein Foto, wobei er sich jedoch nicht darum kümmerte, ob die Kathedrale tatsächlich zu sehen oder von anderen Gebäuden verdeckt war. Anfang der neunziger Jahre konzentrierte sich Demnig auf Klanginstallationen und konzipierte Automaten als benutzbare Skulpturen.

1990 markierte er mit einer Kreidespur quer durch Köln den Weg, auf dem 1940 Gestapo und SS Sinti und Roma zum Abtransport in die Vernichtungslager getrieben hatten. Den Text „1940 – 1000 Sinti und Roma“ verewigte er 1993 an 21 Stellen auf Metallplatten im Straßenbelag. Daran schließt sich seit 1992/94 das Projekt „Stolpersteine“ an. Vor den Adressen, an denen in den dreißiger Jahren verfolgte Menschen bis zu ihrer Deportation durch die Nazis lebten, lässt Demnig einen metallenen Pflasterstein in den Boden ein. Text: „HIER WOHNTE…DEPORTIERT… ERMORDET IN…“ Bürgerinitiativen und Schulklassen, aber auch Einzelpersonen übernehmen Patenschaften über die einzelnen Steine. Bis Anfang 2003 hat Gunter Demnig in Berlin, Köln, Hamburg, Bonn und anderen Städten rund 2.100 solcher „Stolpersteine“ in das Stadtbild eingefügt.

Jürgen Raap: Das physische Abschreiten von Wegstrecken und Landschaftsräumen, das aktionistische Spurenlegen und Markieren ist eine Konstante in deinen künstlerischen Projekten der vergangenen 20…

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