Magazin · von Rainer Metzger · S. 484
Magazin , 2001

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Rainer Metzger

Folge 1

Der schlimmste Feind der Volksfront von Judäa ist die judäische Volksfront. Das ist das tapfere Fazit aus Monty Pythons „Leben des Brian“, auch und gerade, wenn man gegen einen eindeutigen Feind angeht. Dann nimmt sich die Befreiungstruppe zwar bisweilen zusammen und skandiert: „Unser schlimmster Feind, das sind die Römer“. Aber nach allem, wie sich die Kampfhandlungen in Szene setzten, greift die politisch korrekte Parole ins Leere und überlässt die ganze Wahrheit dem Scharmützel mit der ideologischen Konkurrenz. Der schlimmste Feind, das war schon immer der Nachbar.

Monty Pythons 1979 gedrehter und überdrehter Anti-Historienfilm bringt ein Problem auf den grotesken Begriff, an dem sich zeitgleich ein tausendseitiges Werk mit allem Anspruch auf hohe Literatur abarbeitet. „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss untersucht mit dem Pathos einer in höchster Stillage lancierten, zuweilen das Hysterische streifenden Sprache, wo in einer Gegenwart der späteren Siebziger der politische Gegner zu finden ist. Auf den ersten Blick scheint sich die Trilogie, die auf dem Buchumschlag mutig behauptet, ein „Roman“ zu sein, die Antwort leicht zu machen: Peter Weiss konstruiert eine Idealbiografie und lässt sie in einer Zeit spielen, in der die Fronten eindeutig wie nie im 20. Jahrhundert waren; der Protagonist ist ein junger Arbeiter, steht auf der Seite der Kommunisten und kämpft gegen die Nationalsozialisten. Dieses Freund-Feind-Schema verheißt jene unmittelbare Eingängigkeit und Einladung zur Identifikation, unter deren Ägide sich die deutschsprachige Wohlstandsjugend, nicht zuletzt der Autor dieses Textes, sofort vorstellen konnte, damals auch dagegen gewesen zu sein und sich sofort und überall, ganz…

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