Titel: 57. Biennale Venedig - Analyse · von Klaus Honnef · S. 54
Titel: 57. Biennale Venedig - Analyse , 2017

Wir müssen unsere Maßstäbe ändern.

Zur 57. Biennale von Venedig 2017 von Klaus Honnef

Seit Tiziano Vecellio mit der „Assunta“ (1516/18) für die Frari-Kirche in Venedig einen neuen Bildtypus schuf, hat sich die Kunst dramatisch verändert. Und mit ihr die Vorstellungen, die sie von anderen Dingen unterscheiden. Eingeschlossen ihr Begriff. Gleichwohl regiert unvermindert die Ansicht, es gäbe unwandelbare Maßstäbe, die eine klare Trennungslinie zwischen Kunst und Nicht-Kunst ziehen würden. Kunst ist Kunst, alles andere ist alles andere, dekretierte Tizians später amerikanischer Nachfolger Ad Reinhardt. Bis vor kurzem verkörperte die Sammlung des New Yorker Museums of Modern Art den verbindlichen ästhetischen Kanon der Kunst der letzten 150 Jahre in repräsentativen künstlerischen Beispielen.

Die 57. Auflage der Biennale von Venedig lässt die Kunst noch einmal hochleben: VIVA ARTE VIVA. Doch es klingt wie das Schreien im dunklen Wald. Denn nachdrücklicher als ihre Vorgängerinnen wirft sie die Frage auf, was denn das wirklich ist – Kunst? Der Kanon der Kunst im MoMA hat längst Risse bekommen. Selbst der Tempel der Kunst-Moderne hat es erkannt und gruppiert um. Kürzlich spottete der Chefkunstkritiker der New York Times, Holland Cotter, dass der Kanon „The Greatest Art Story Ever Invented“ unter Führung der „Modern White Guys“ gewesen sei. Tempi passati.

So viele Künstlerinnen wie auf der von Christine Macel subtil und anspielungsreich inszenierten Bühne der Kunstfeier in Venedig sahen die Gebäude in den Giardini und in der einstigen Waffenschmiede der Arsenale jedenfalls niemals zuvor. Zudem stammten niemals zuvor so viele Künstlerinnen und Künstler aus so verschiedenen Kontinenten und Kulturen….

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