Magazin: Publikationen , 1998

An der Wurzel der Medieneuphorie

Dierk Spreens Diskursanalyse zum technisch-medialen Apriori

Spreen ist skeptisch. Zunächst gegenüber der weitverbreiteten Annahme der Medientheorie, daß gesellschaftliche und kulturelle Strukturen von den technischen Verhältnissen abhängen. Die Zweifel an dieser These, die gegenwärtig u.a. von Kittler, Rötzer, Weibel, Virilio vertreten wird, ist nicht gerade neu, jedoch sein Verfahren, das ihn an die Anfänge der Idee des technisch-medialen Apriori führt. In seiner Genealogie des medientheoretischen Diskures stößt er auf Schriften von Personen, die, wie er meint, „nicht im Zentrum philosophischer bzw. gesellschaftstheoretischer Begriffsbildung stehen“. Danach ist es der Ökonom der deutschen Romantik, Adam Müller, der als erster ein symbolisch-mediales Apriori entwirft, indem er die „Beredsamkeit“ oder aus heutiger Sicht, den Diskurs, als Wurzel von Vergesellschaftung sieht. An die Stelle des Gesprächs tritt mit Saint-Simon und Friedrich List allmählich die Technologie. Damit werden die technischen Medien zum Ausgangspunkt sozialer Prozesse erklärt.

Bereits die Verwendung des Wortes „Genealogie“ läßt Spreens Nähe zu Foucault vermuten, die sich auch in der von ihm verwendeten Methode der Diskursanalyse bestätigt. Das Bemerkenswerte, das vielleicht Überraschende an Dierk Spreens Untersuchung, ist der Gedanke, daß das Konzept Gesellschaft ein verwandtes diskursives Phänomen darstellt und in zeitlicher Parallelität und inhaltlicher Verbindung zum technisch-medialen Apriori entwickelt wurde. Dabei wendet er sich gegen die Vorstellung von Gesellschaft als Ziel und Grund kultureller Prozesse oder als „Versprechen auf Befreiung“. Für Dierk Spreen gibt es drei verschiedene Traditionslinien des Sozialen. Der Krieg ist einer davon, ein anderer der Markt. Aber auch die Technologie ist eng mit der Herausbildung des Gesellschaftsbegriffs verstrickt. Das…

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von Justin Hoffmann

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