Monografie · von Johannes Meinhardt · S. 248
Monografie , 1998

Johannes Meinhard

Die Wirklichkeit der ästhetischen Illusion

DIE ARBEITEN VON FELICE VARINI

Das Grundprinzip der Arbeiten von Felice Varini (die 1979 einsetzten und ab 1984 ihr Prinzip klar entfalteten) ist es, zwei miteinander unvereinbare Wahrnehmungsweisen oder Einstellungen, die von derselben räumlichen Installation von ‚Wandmalereien‘ oder Fotografien provoziert werden, einander entgegenzusetzen und zugleich zu zeigen, daß beide nur unterschiedliche visuelle Wirkungen sind, abhängig vom Blickpunkt des Betrachters. Denn das mentale und (dadurch bestimmt) zugleich optische Umschlagen von der einen Einstellung in die andere ist hauptsächlich abhängig vom Blickpunkt: von einem festen Blickpunkt aus, der meist schräg oder lateral zu den Raumachsen steht, schießen die Wandmalereien, die sich auf mehreren Wänden (auch über Eck) oder auf verschiedenen gestaffelten Flächen befinden, zu einer geometrischen Form bzw. einer homogenen Bildfläche zusammen, entsteht mit unwiderstehlicher Evidenz die ‚pikturale Illusion‘ einer Bildfläche. Die reale räumliche Konstellation von Flächen und deren Staffelung scheint von selbst in das täuschende Trugbild einer senkrecht zur Blickachse des Betrachters stehenden Bildfläche umzuspringen – einer farbig homogenen Bildfläche, deren Rahmenform oder deren Binnenformen einfache und strenge (meist auch rechteckige) geometrische Formen sind. Außerhalb dieses Blickpunktes aber (der zuerst der Blickpunkt von Felice Varini ist, der sowohl von ihm im Raum gewählte als auch durch seine Körpergröße determinierte Blickpunkt, von dem aus eine einfache Form auf die Wände, in die Ecken, in den Raum projiziert worden ist) sieht der Betrachter nur noch optisch sinnlose Verzerrungen und Fragmente, zerfällt die pikturale Gestalt in unzusammenhängende Wandmalereien, lineare Markierungen von Raumkanten und unverständliche Malereifragmente auf Vorsprüngen, Säulen, Trennwänden, Rohren…

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