Titel: Lebenskunst als Real Life · von Christine Resch · S. 176
Titel: Lebenskunst als Real Life , 1998

CHRISTINE RESCH

Fast wie im richtigen Leben

ZU DEN VERHÄLTNISSEN ZWISCHEN KUNST UND LEBENSPRAXIS
– MIT EXKURSEN ÜBER FLATZ ALS SELBSTDARSTELLER

I. LIVE AND LET DIE

Kunst leben als Kunst sterben und dabei zuschauen

„In einer alten Synagoge in Tiflis hat er zwei Stahlplatten an die Decke gehängt und sich selbst dazwischen. Den kahlgeschorenen Kopf nach unten, den Oberkörper nackt. Seine Hände sind mit einem dicken Seil gefesselt, das genau fünf Minuten vor zwölf ein Mann ergreift und dann beginnt zu läuten. Da kracht mal der Kopf gegen die Platte, dann wieder der ganze Oberkörper, mal schlägt das Gesicht zuerst auf, dann wieder hofft man, es wären die Schultern. Ruhig und gleichmäßig wird da ein Mensch wie ein Klöppel geschwungen, fünf endlose Minuten lang. Die einzigen Laute sind dieses mal dumpfe, mal schleppende Geräusch des aufschlagenden Körpers. Flatz selbst bleibt vollkommen stumm, er schreit nicht, stöhnt nicht, kein Laut. Als dann das neue Jahr beginnt, tanzt ein festlich gekleidetes Paar vor dem noch immer still vor sich hin pendelnden Künstler. Sie tanzen den Donauwalzer in voller Länge – dreizehn Minuten. (…)Der dozierende Unterton in der Stimme von Flatz wechselt, und Stolz ist unüberhörbar, wenn er sagt: ,Das Stück haben inzwischen eine ganze Menge Mediziner gesehen, und für die meisten ist es unerklärlich, wie jemand so etwas überleben kann.‘ (…)Der befreundete Künstler, der ihn geläutet hat, mußte sich hinterher eine Woche mit Kokain betäuben, eine Zuschauerin bekam einen fünfminütigen Schreikrampf, der Leiter der documenta 9, Jan Hoet, bescheinigte Flatz in einem dreiseitigen Brief, daß dies das Beste…

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