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Titel: Texte zur Fotografie · S. 288 - 291
Titel: Texte zur Fotografie , 1990

Roland Wäspe
Anita Hohengasser

Sieht man einen Querschnitt der seit 1979 von Anita Hohengasser (geboren 1960, lebt in St. Gallen) geschaffenen Arbeiten, erkennt man auf Anhieb, mit welcher Hartnäckigkeit und Phantasie die Künstlerin alle gängigen formalen Typen der Fotografie auf ihre Funktionsweisen und ihre Verwendbarkeit befragt hat, von der Rayografie, der nach Man Ray benannten direkten Abbildung von Gegenständen auf Fotopapier, bis zum erstarrten Augenblick in der Art Cartier-Bressons. Aus dieser breiten Suche nach dem „eigenen fotografischen Blick“ entwickelt sich rasch eine sehr genaue, fast klassische Bildsprache, deren inszenierende Mittel immer mehr zurückgenommen werden, bis die Eigenästhetik der Aufnahme für den Betrachter fast unspürbar wird, die Bilder den Anschein der alltäglichen Bilderwelt tragen.

Anita Hohengasser fotografiert hauptsächlich die Personen ihres engsten Umkreises. Zu den Abgebildeten besteht also eine persönliche Beziehung – entsprechend sorgsam ist der Umgang mit der Fotografie. Es entstehen Aufnahmen von großer Dichte, die den symbolhaft vereinfachenden Bildern eines Walter Pfeiffer in ihrer Behutsamkeit und Konzentration, die sich erst auf den zweiten Blick erschließt, sehr nahestehen. Über diese Arbeit mit Modellen aus ihrem Freundeskreis kommt Anita Hohengasser zu Aufnahmen der eigenen Person, zu Bildern, in denen sie weiter gehen kann, als sie dies mit einem Modell je wagen würde. Dieses stete Hinausschieben der Grenze des fotografisch Möglichen erscheint mir für die Künstlerin besonders bezeichnend.

Arbeiten mit Themen, die zwischen intensivster Selbstbefragung und Analyse der gesellschaftlichen Situation des einzelnen liegen, haben ihren festen Stellenwert in der Schweizer Fotografie der 70er Jahre. Fragestellungen dieser Art, die bei Urs Lüthi bis ins hintergründige Clowneske…


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