Essay · S. 84
Essay , 1990

»Daß es so weitergeht, ist die Katastrophe«

Einige Bemerkungen anlässlich Walter Benjamins 50. Todestages

Von Florian Rötzer

In der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 nahm sich Walter Benjamin in Port-Bou an der spanischen Grenze vermutlich mit einer Überdosis Morphiumtabletten das Leben, nachdem er bereits 1932 geplant hatte, Selbstmord zu begehen. In einem Kommentar zu Kafkas Werk führte er einen Satz an, der wohl auch seine Haltung charakterisiert: „So ist denn, wie Kafka sagt, unendlich viel Hoffnung vorhanden, nur nicht für uns.“ Nach langen und entbehrungsreichen Jahren im französischen Exil – seit 1933 wohnte er in Paris – und nach einer kurzen Internierung in einem Sammellager hatte er endlich im August 1940 das von Adorno, Horkheimer und Pollock besorgte Einreisevisum für die USA erhalten, nachdem er es lange Zeit selber abgelehnt hatte, Europa zu verlassen, weil es hier für ihn, trotz der hereinbrechenden Barbarei des Faschismus, noch Positionen zu verteidigen gäbe. Auch der Einladung seines Freundes Gershom Scholem, nach Israel auszuwandern, hatte er nie Folge geleistet. Das Geld, das ihm dieser schickte, um die Sprache zu lernen, wurde von ihm zu anderen Zwecken verwendet.

Zu jener Zeit bestand die Gefahr, von der Vichy-Regierung an die Nazis ausgeliefert zu werden. Mit einer Gruppe von Flüchtlingen versuchte er, über eine normalerweise unbewachte Straße in den Pyrenäen nach Spanien zu gelangen, um von dort aus in die Vereinigten Staaten zu fahren, wo er am exilierten Institut für Sozialforschung – schon lange sein einziger Geldgeber – vielleicht hätte arbeiten können, obwohl Horkheimer ihm keine großen Aussichten…

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