Titel: Transgene Kunst , 2002

JENS SCHRÖTER

BIOMORPH

ANMERKUNGEN ZU EINER NEOLIBERALEN GENTECHNIK-UTOPIE

Die beständige Kontinuität des Prozesses, das ungehinderte und flüssige Übergehn des Werts aus einer Form in die andre, oder einer Phase des Prozesses in die andre, erscheint als Grundbedingung für die auf Kapital gegründete Produktion. Karl Marx1

Mit den Biotechnologien gehen ebenso wie mit den Computertechnologien Phantasien über ihre möglichen künftigen Effekte einher. These ist, dass sich gerade in den extremsten Phantasien eine ideologische Funktion der Diskurse über die Gentechnik zeigt. Im Folgenden soll ein Aspekt skizziert werden, nämlich das in Begriffen wie „Designer-Baby“ anklingende Phantasma, die Gentechnik könne und solle nicht nur bislang unheilbare Krankheiten heilen, sondern die ganze Form des menschlichen Körpers neu definieren und dabei optimieren.2 Schon 1985 hat Bruce Sterling in seinem Cyberpunk-Roman Schismatrix die in ferner Zukunft gelegene Aufspaltung der Menschheit in zwei Spezies – die Shaper und die Mechanists – geschildert.3 Diese Auflösung der bisherigen „Menschen-Form“4 ist durch die Anpassung der Menschen an die Bedingungen der interstellaren Raumfahrt verursacht. Während die Shaper die Optimierung ihrer Körper durch Biotechnologien betreiben, setzen die Mechanists auf kybernetische Prothesen.5 Die Bio- und die Computertechnologien sind die Technologien, um die der sogenannte „Posthumanismus“ kreist. Mit dieser Bezeichnung wird ein diffuser und heterogener Bereich von Praktiken und Phantasmen be schrieben, in welchem der menschliche Körper als Material gentechnologischer Umformungen, als Element neuartiger Mensch/Maschine-Synthesen (Stichwort: Cyborg) oder gar als verzichtbares Vehikel für einen mit Hilfe von Computertechnologien bald auch körperlos existierenden Geist beschrieben wird.6 Solche (mehr oder weniger phantastischen) Vorstellungen einer technologischen Transformation oder Verabschiedung des Körpers…

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von Jens Schröter

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