Titel: Transgene Kunst , 2002

DIETER STURMA

Ordnung und Verwandlung

ZUR ÄSTHETIK DER ZWEITEN NATUR DES MENSCHEN

Verwandlungen

Der Mensch ändert seit Zehntausenden von Jahren seine Natur, ohne diesem Umstand in seiner ganzen kulturellen Breite Rechnung zu tragen. Mittlerweile verändert er sich aber in einer Geschwindigkeit, die ihn geradezu auf das Faktum seiner Selbstverwandlungen stößt. Die Verwandlung seiner ursprünglichen Natur hat sich weitgehend hinter seinem Rücken vollzogen und ist allenfalls in Ansätzen von einem Verständnis seiner selbst und seiner Praxis begleitet worden. Gentechnologische Vorhaben wenden sich inzwischen direkt einem Projekt der Verwandlung der menschlichen Natur zu. Sie sind dabei von der Überzeugung durchdrungen, im Besitz des Schlüssels zur technologischen Transformation natürlicher Ordnungen in neue Ordnungen zu sein.

Das gentechnologische Bekenntnis zur Innovation sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Mensch sich schon seit den Anfängen des homo sapiens sapiens in neuen Ordnungen bewegt. Auch die Verwandlungsphantasien als solche sind keineswegs völlig neu. Ovid konstruiert auf kunstvolle Weise ein Universum der Metamorphosen, das von Geschöpfen bevölkert ist, die sich in andere Körper verwandeln und bei denen sich die Arten vermischen. Resultate der Experimente der Einbildungskraft sind sonderbare Geschöpfe der Artvermischung wie Halbgötter, Sphinxe, Sirenen, Kentauren oder Pflanzen-Menschen. Uns begegnet kein invariantes Weltgebäude oder eine vollbrachte Schöpfung, sondern eine Welt im Übergang. Ovid erzählt die Weltgeschichte der Verwandlungen der Geschöpfe: „In nova fert animus mutatas dicere formas corpora.“1 Das Gesetz dieser Welt besteht darin, dass nichts verloren geht, aber auch nichts das bleibt, was es ist. Sterne, Steine, Pflanzen, Tiere, Menschen und Götter vermischen sich miteinander auf die erstaunlichsten Weisen – „nulli…

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von Dieter Sturma

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