Gespräche mit Künstlern , 2002

PAOLO CANEVARI

DIE POESIE DES AUTOSCHLAUCHS

EIN GESPRÄCH MIT DORIS VON DRATHEN

Unter allen „armen“ Materialien ist die Poesie des Autoreifens und des Schlauchs noch wenig untersucht worden. Das italienische Wort „camera d’aria“, Luftraum, bezeichnet am besten die Dimension von Möglichkeiten, die der römische Bildhauer Paolo Canevari für sich entdeckt hat: tatsächlich ist für ihn diese Materialwelt zu einem Ort geworden, zu einem Arbeits- und zu einem Kunstort. Canevari, 1963 geboren, hat in Rom eine klassische Ausbildung durchlaufen – dass seine Arbeit, noch heute davon geprägt ist, einen klassischen Formen- und Materialkanon einzureißen, zeigt seine authentische Haltung und gibt ihr seiner Arbeit ein revolutionäres Engagement, wie man es sonst eher bei der Generation davor findet. Dazu gehören auch seine Performances und Happenings. Am besten versteht man seine Skulpturen, wenn man die Chance hat, einmal zu sehen, wie Canevari einen Schlauch, eine „camera d’aria“, vom Haken nimmt – alle Arbeiten sind immer nur mit einem Nagel an der Wand befestigt – und dann die verschiedenen Formen wie das Vokabular eines Seiltricks mit wenigen Gesten vorführt. Trotz der Absage an klassische Traditionen schwingen aber andere italienische Kulturerfahrungen in seiner Arbeit mit – wie etwa eine Auseinandersetzung mit Katholizismus und Religion überhaupt, mit der Antike und Renaissance schließlich mit dem individuellen Drama.

Doris von Drathen: Gebetsmühlen? Kannst du das besser erklären? Als wir uns eben trafen und zum ersten Mal über die 12 Apostel sprachen, deren Namen du mit weißer Farbe auf schwarze Autoreifen geschrieben hast, sagtest du wie selbstverständlich, du hättest an Gebetsmühlen gedacht, wie meinst…

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von Doris von Drathen

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