Gespräche mit Künstlern , 2002

LOIS WEINBERGER

IN DER ZEIT LIEGT DIE NATUR

EIN GESPRÄCH MIT DIETER BUCHHART

Auf der documenta X suchte sich Lois Weinberger für sein Projekt ein stillgelegtes Bahngleis und pflanzte Ruderalvegetation aus Ost- und Südosteuropa. Die Arbeit fand große internationale Beachtung, die Pflanzen wurden als „Immigrationspflanzen“ als Anspielung auf die europäische Einwanderungspolitik und als Metapher für gesellschaftliche Konstruktion verstanden.

Das medial propagierte gesellschaftspolitische Statement ist Teil von Weinbergers Konzept und seiner Auseinandersetzung mit Zwischenbereichen und Randzonen. Dabei thematisiert er städtisches Ödland, Alltagsobjekte aus der ehemaligen DDR ebenso wie Wildpflanzen oder das von GärtnerInnen bekämpfte Unkraut. Seine Auffassung vom Konstrukt „Natur“ ist eine gesellschaftspolitisch geprägte. Die in seinen Arbeiten präzise eingesetzten Materialien und Farben beschreiben die Randzonen, das Marginale, zwischen alltäglicher Verwendung und dem gänzlichen Verschwinden. Dabei forscht und fragmentiert der Künstler, arbeitet mit poetischem Verschieben und transferiert dadurch die Diskussion von einer oberflächlichen Kritik zu einem interdisziplinär geführten differenzierten Dialog. So misst Weinberger Ergebnissen aus wissenschaftlicher Forschung eine ebenso große Bedeutung wie Erzählungen und volkskundlichen Überlieferungen bei. Er schafft eine Erweiterung des künstlerischen Handlungsfeldes, wobei sein Ausdruck auch von zum Teil minimalen aber präzisen und wirkungsvollen Eingriffen geprägt ist. Die Realisierung seiner Entwürfe und Modelle ist zwar möglich, aber nicht vordergründig intendiert. Das Modell, die Zeichnung oder der Text wird zum eigentlichen Ausdrucksträger mit dem zeitgenössischen Potential zur Umsetzung. Dem Objektivierungsanspruch der Natur(Wissenschaft) setzt er die Flexibilität künstlerischer Konzepte der 90er Jahre in seiner Auseinandersetzung mit der gesellschaftsdeterminierten Naturvorstellung, die er seit Ende den 70er Jahren konsequent hinterfragt, entgegen. Er zählt zu den ersten KünstlerInnen,…

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von Dieter Buchhart

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