Titel: Transgene Kunst · von Ulf Poschardt · S. 58
Titel: Transgene Kunst , 2002

ULF POSCHARDT

Mutant

In einer Zeit, in der das menschliche Maß von der Technik und der Medizin, der Metaphysik und der Religion, der Wissenschaft und der Kultur in Frage gestellt ist, ist das in Frage gestellte in Gefahr und von höchster Bedeutung. Sollten durch Gentechnologie induzierte Mutationen und Mutanten zum Alltag unserer Zukunft gehören, dann muss die Vergangenheit dieser Human-Konstellationen nachgedacht werden. Denn jede Gegenwart benötigt eine ihr genehme Vergangenheit.1 Der anthropomorphe Mutant als Wesen des Übergangs stellt dialektisch und historisch die Frage nach dem Noch-nicht-Mutierten: Die seit Kant den geisteswissenschaftlichen Diskurs prägende Frage „Was ist der Mensch?“ muss um die Frage „Und was eine Mutation des Menschen?“ ergänzt werden. Gestellt wird die Frage abwechselnd im kulturellen wie wissenschaftlichen Raum, die sich wechselseitig beeinflussen, wobei im 20. Jahrhundert die Diskursmacht der Naturwissenschaft und der Medizin die kulturellen Dispositive der Wahrnehmung und des Wissens in die Defensive drängen. Die Konstruktionen sozialer „Wirklichkeit“ durch Diskurse sind besonders anfällig zu Zeiten, in denen sie sich formieren, damit sind sie aber auch wahrnehmbar und gestaltbar.

Im Ende des Menschen sah Foucault die Wiederkehr des Anfangs der Philosophie, vorausgesetzt die Geisteswissenschaft wurde aus ihrem anthropologischen Schlaf geweckt, um in neuer Verunsicherung Konzepte nicht anthropozentrischer Perspektiven und Fluchtlinien zu entwerfen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Anthropologie Kants war die Menschwerdung mit der Ich-Erkenntnis verkoppelt, und machte so aus der Frage nach dem Menschen ein Denken des Ichs. Das im Laufe des 20. Jahrhunderts aufkommende Denken des Nicht-Ich, des Unterbewussten, der Vielheiten, der Irrationalität könnte vor dem Hintergrund…

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