Kommentar , 2004

INGO AREND

BÜFETT DES WESTENS

DAS MUSEUM OF MODERN ART ZU GAST IN BERLIN

Wo wurde eigentlich die Moderne erfunden? In Florenz? Als Michelangelo seinen menschengleichen David aus Marmor schlug? In Paris? Als Picasso die Zentralperspektive der Renaissance wieder zerlegte? In Weimar? Als das Bauhaus öffnete? In Triest? Als James Joyce den Ulysses schrieb? Oder in New York? Als Jackson Pollock durch eine in der Luft kreisende Bratenspritze Öl auf eine Leinwand träufelte?

Die Moderne entstand überall und nirgends. Sie setzte sich, wie man so schön sagt, durch. Wenn man in diesen Tagen die Berliner Nationalgalerie besucht, könnte man allerdings meinen, die Moderne stammt aus Amerika, genauer: aus den USA. Von den gut 200 Meisterwerken des Museums of Modern Art, dem Mekka der Kunstliebhaber, die dort zu einem lukullischen Traditionsbüfett aus Tafelbild und Skulptur angerichtet worden sind und für Touristenströme ohnegleichen sorgen, kommen ein gutes Drittel aus den USA. Dann folgt das Europa der klassischen Moderne. Osteuropa ist noch immer der Appendix, der er in Zeiten des Kalten Krieges war. Zum Zeitpunkt seiner härtesten Prüfung reinszeniert sich in Berlin noch einmal der gute alte Westen über seine Hausgötter von Rousseau bis Jasper Johns, die ihn am Ende sehr abstrakt aussehen ließen. Es ist schon auffällig, dass diese Ausstellung zu einer Zeit realisiert wird, wo sich der Westen in der Auseinandersetzung mit dem weltweiten Islam einer seiner härtesten Krisen stellen muss. Von Grußworten Joschka Fischers und Colin Powells bis zum ausufernden Kulturprogramm »American Season« flankiert, wird diese private Initiative zu einem prunkvollen Zeichen des westlichen…

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