Titel: 49. Biennale von Venedig · von Michael Hübl · S. 286
Titel: 49. Biennale von Venedig , 2001

Taiwan

Chien-chi Chang, Michael Ming-hong Lin, Shu-min Lin, Shih-fen Liu, Wen-chih Wang

Kommissar: Tsai-lang Huang

Kurator: Chien-hui Kao

Stellvertretender Kommissar: Paolo De Grandis

In den Mauerfugen hat kaum der Anflug von Pollen und Samen Platz: So dicht wurden in den Nuove Prigioni die Steinblöcke aufeinandergesetzt. Von außen sieht man dem Palast seine ehemalige Funktion als venezianisches Staatsgefängnis nicht an, aber der Innenhof mit den eng vergitterten Fenstern und den Wänden aus planen Quadern macht klar, welchem Zweck dieses Gebäude diente. Dort hat Taiwan die Arbeiten von fünf Künstlern unter dem Motto „Living Cell“ zusammengefasst. Der Begriff liefert ein Beispiel, wie die Differenz zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu divergenten Erklärungen führen kann. „Living Cell“ spielt auf die geographische Lage des chinesischen Inselstaats an, der innerhalb des globalen Gesamtkörpers vielleicht nur den Umfang einer einzelnen Zelle hat, gleichwohl lebendige Impulse gibt. Die Kunst soll als Keimzelle des Neuen verstanden werden, das regionale Traditionen mit internationalen Tendenzen unterschiedlicher Herkunft verschmilzt1.

In direkter Nähe zu den ‚toten‘, ausgestorbenen Zellen einer einstigen Strafanstalt bleibt es allerdings nicht aus, dass der Ausstellungstitel weniger biologisch als historisch verstanden wird. Die Umgebung verleiht den Bildern, Interventionen und Installationen eine Mehrdeutigkeit, die eigentlich nicht intendiert ist. Shu-Min Lin etwa hat in einem Raum quadratische Hologramme in den Boden eingelassen: Sie zeigen Gesichter, die aus unergründbarer Tiefe beklemmend eindringliche, fragende, klagende Blicke nach oben richten. Wie schon bei früheren Arbeiten Shu-Min Lins geht es um Bewegung, Voyeurismus, Identität, die Illusion der eigenen physischen Realität. In Venedig tritt sofort die Geschichte hinzu: Im benachbarten Dogenpalast…

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