Essay , 1999

Hermann Pfütze

Das Kunstverhältnis

1.

Es ist eine Dreierbeziehung zwischen der geistigen Unerschöpflichkeit der Kunst, ihrem freien, ungegenständlichen Formprinzip und dem ihr inhärenten Lustmoment als Gabe und Übergangsobjekt. Im Gegensatz zur bestimmten Folgerichtigkeit der Natur und zum dinglich-positiven Verwertungsprinzip der Arbeit ist die Kunst unbestimmt und negativ. „Sie bestimmt sich im Verhältnis zu dem, was sie nicht ist“, wie Adorno sagt.1 Sie ist weder Arbeitsprodukt noch Natur, sondern etwas, das es in diesem Sinn empirisch ’nicht gibt‘: nämlich freie Form und bestimmte Negation der vorhandenen, fertigen Welt.

Das Kunstverhältnis ist also zu suchen in jener, so Friedrich Cramer, „Zone des Schönen“2 zwischen der Unfreiheit der Natur und der Verwertungsökonomie der Arbeit. Wenn ich male, schreibe, musiziere (bzw. höre, lese, gucke), bin ich in der „Zone des Schönen“ für andere zugleich da und weg: Selbstvergessen wie Kinder beim Spiel verweile ich in der Kunstzeit und im Kunstraum. Alles, was ich um mich herum nicht nehme, während ich in der Kunst ‚weg bin‘, gehört freilich als außer Kraft gesetzte Wirklichkeit zum Kunsteffekt dazu, wie ja auch der durch den Wortlaut im Gedicht außer Kraft gesetzte Sinn eines Wortes nicht wegfällt, sondern als abwesend erfahren wird. Also auch das Off wird kreiert: Es tritt zwar als Draußen im Bewußtsein und als Form zurück, bleibt aber untrennbar formverbunden als Negativprofil des Unterscheidungsvermögens selbst, der „distinction“ Spencer Browns bzw. der „differance“ Derridas. Das ist der Witz künstlerischer Formerfahrung: zugleich bei sich und außer sich zu sein. Sie stabilisiert nicht praktische, gegenständliche Subjekt-Objektbeziehungen, sondern hebt sie auf. Die ‚Zone des…

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von Hermann Pfütze

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