Essay , 1999

Johannes Meinhardt

Langeweile als Reflexionsform

Nicht erst die Moderne hat die Langeweile, eines der am meisten verabscheuten Gefühle, als eine Affektlage entdeckt, die umschlagen kann, die aus einer extrem negativen und peinigenden Empfindung des Mangels, des Verlustes, der Leere, der Erstarrung und der Bedeutungslosigkeit, aus einem Pathos oder Leiden, in eine Erfahrung im emphatischen Sinn, die Überschreitung von konventionell Geglaubtem und Gewußtem durch eine umfassendere, ere Erkenntnis oder Wahrnehmung übergehen kann; in eine Überschreitung und Veränderung, die zwar nicht vom Bewußtsein beherrscht wird, das Bewußtsein aber vorantreibt.

Thomas Münzer, eine Ausnahmeerscheinung unter den Theologen und Philosophen der deutschen Geschichte, ein radikaler Utopiker des 16. Jahrhunderts, der zugleich Anführer in den Bauernkriegen und Mystiker war und beides in einem untrennbaren Zusammenhang, hatte die Langeweile als die tiefste und beängstigendste Stufe der Erfahrung der Zerstörung aller Gewißheiten und Sicherheiten verstanden, als den Zustand des völligen Zusammenbruchs des bisherigen Glaubens, Wissens und Selbstbewußtseins. Der Mensch wird vom Überdruß und vom Ekel vor der Sünde, aber auch vor seinem falschen Wissen ergriffen; die „Langweyl“1 entleert ihn völlig, depraviert ihn, erzeugt aber auf diese Weise eine Art von reflexivem Bewußtsein, eine Erkenntnis über die Falschheit und Leere all dessen, was er vorher als Gewißheit besessen hat. Die erschreckende Erfahrung von `Unglauben, Unwissenheit, Verzweifeln´ ist unvermeidbar, wenn der Mensch eine weitere, ere Erkenntnis erlangen will: „Der Mensch … muß ernstlich ganz und gar zum innerlichen Narren werden; da folgen alsbald die Schmerzen wie einer Gebärerin.“2 Denn erst die Langeweile, die den Menschen, auch gegen seinen Willen, seiner Gewißheiten beraubt…

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von Johannes Meinhardt

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