Titel: Kunst und Literatur I · von Michael Wetzel · S. 52
Titel: Kunst und Literatur I , 1997

Michael Wetzel

Dichter und Maler – Ein double-bind?

»Die bestimmte Negation verwirft die unvollkommenen Vorstellungen des Absoluten {…}. Dialektik offenbart vielmehr jedes Bild als Schrift. Sie lehrt aus den Zügen das Eingeständnis seiner Falschheit lesen {…}.«
(Horkheimer/Adorno)

Zwei Weisen des Erzählens

Wer kennt sie nicht, die Situation, in der die Ergriffenheit durch einen Gegenstand oder die Intensität eines Blicks die Worte mangeln und nach anderen Ausdrucksmitteln rufen läßt, um sie als lebendiges Bild festzuhalten? Die Dichtung kennt dieses Verlangen nach der Malerei von Anfang an, aber ihr Wunsch ist ambivalent, voller Konflikte und Konkurrenz. Schon die Formel des Simonides von Keos, daß Malerei stumme Dichtung und Poesie redende Malerei sei, wertet letztere auf Kosten ersterer auf. Und die mythische Urszene von der Tochter des Butades aus Korinth, die als Schattenriß (Skiagraphie) ihres scheidenden Geliebten das erste Bild geschaffen haben soll, folgt dem antiken Vorurteil gegen den Künstler als Handwerker im Sinne von Platons Verachtung der Abbilder als Schatten der Ideen, die dem lebendigen Wort des Dichters als Urbild näher stehen. Während aber Horaz mit seiner legendären Forderung des ut pictura poesis den Dichter noch an die Vorbildlichkeit malerischer Anschauung erinnerte, gerät in der christlichen Tradition seit Augustinus und seinem Kampf gegen die „Begierlichkeit der Augen“ das optische Moment gänzlich in Verruf. Erst in der Renaissance öffnen sich wieder die Augen als Fenster der Seele und kann die bildende Kunst wieder die Macht ihrer Visualität als Darstellungsmoment gegen das Literarische ausspielen:

„Bezeichnest du die Malerei als ’stumme Dichtung‘, so kann der Maler erst recht die Dichtung eine…

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