Gespräche mit Künstlern , 1997

Hans Rudolf Reust

Mischgrenzen

Ein Polylog um Skulpturen von Harald Klingelhöller

Ein Raum in der Galerie Konrad Fischer in Düsseldorf wird geteilt durch eine Skulptur, die sich in fünf Segmenten horizontal von der Wand weg entwickelt, sich verzweigt, wie der Verlauf von Hecken in einer weiten Landschaft – metaphorisch gesprochen. Die fünf Segmente aus je einer metallenen Stützkonstruktion, an den Ecken teilweise sichtbar, und darüber schichtweise gelegten Packpapierflächen sind untereinander und mit der Wand durch aufliegende Granitblöcke lose verbunden. Den Zuschnitt der Papiere, die leicht am Boden aufstoßen und sich entsprechend biegen, liest man auf einen zweiten Blick hin als Buchstaben; Buchstaben freilich, die sich gegenseitig verdecken und letztlich keine Lektüre erlauben, sondern dem herumstreifenden Blick Lücken und Abschattungen zeigen. Zu lesen bleibt nur der Titel an der Wand: „Sturm der Gewalt, wiederholt.“ – eine Wortwendung wie eine anrollende Welle, blockartig knapp. Die Metapher eröffnet der Skulptur einen zweiten Raum, sich zu entfalten: den Raum der Sprache der Skulptur. Entlang der variablen Grenze, an der architektonischer Raum und Sprachraum sich begegnen, bewegen sich die Betrachterinnen und Betrachter.

Um die im vertrauten Sinn „skulpturalen“ Elemente können wir nach einer Seite hin herumgehen. Wir können uns über die halbhohe Brüstung hinweg gegenseitig betrachten, uns unterhalten, auch über die Worte „Sturm der Gewalt, wiederholt“. Wie aber sprechen wir über den dritten, erweiterten Raum der Skulptur, den Gebilde und Wortgebilde gemeinsam eröffnen?

H.K.: Vielleicht müßte die Frage lauten: In welchem Raum stehen wir eigentlich?

H.R.R.: Wie sich beim physischen Moment der Skulptur von jedem Blickpunkt aus eine neue Ansicht eröffnet,…

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von Hans Rudolf Reust

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