Titel: Kunst und Literatur I · von Georges-Arthur Goldschmidt · S. 213
Titel: Kunst und Literatur I , 1997

Georges-Arthur Goldschmidt

Künstlerische Genese als Alptraum

(Artaud und van Gogh)

»Nah ist Und schwer zu fassen der Gott.«
Hölderlin (Patmos)

Woher kommt es, daß es fast unmöglich ist, die Malerei mit Worten zu erfassen? In „Peinture et réalité“ hat Etienne Gilson gezeigt, daß die Sprache angesichts der Malerei nahezu zwangsläufig scheitern muß. Warum kann der Dichter dennoch nicht anders, als von der Malerei sprechen? Kennt er doch die Fährnisse dieses Unterfangens besser als jeder andere. Woher kommt es also, daß Antonin Artaud sich in einem seiner bedeutendsten Texte ausgerechnet mit van Gogh befaßt hat, und wie ist es möglich, daß dieser Text trotz der „grundlegenden Heterogenität von Malerei und Sprache“ vor der Malerei van Goghs noch deren „Kern“ trifft? Warum schließlich hat Artaud über van Gogh geschrieben?

Wenn man eine klare Antwort auf die Frage geben will, warum Artaud „Van Gogh, Selbstmörder durch die Gesellschaft“ geschrieben hat, dann tendiert man zunächst einmal auch dazu, sich mehr mit van Gogh als mit Artaud zu befassen. Und genau das ist die Erklärung: Über Artaud kommt man wieder auf van Gogh, und über van Gogh auf Artaud! Warum also dieser Artaudsche Text über van Gogh? Weil das Verhältnis des Dichters zum Maler dem Verhältnis des Malers zu dem Stoff entspricht, aus dem das Werk entstehen soll. Nur ist es hier so, daß das Werk bereits vollendet ist, es ist bekannt und unwiderruflich in der Vergangenheit angesiedelt. Des Dichters Spurensuche wird zur Spurensuche einer Spurensuche, der Suche nach van Goghs Spuren, von welchem lediglich eine stoffliche Spur (in den Museen)…

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