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Essay · S. 16 - 18
Essay , 1978

Georg Jappe
Die Schweine von heute sind die Schinken von morgen

Hat die IRA die britische Demokratie erschüttert? Haben die baskischen Extremisten die freien Wahlen in Spanien verhindert? Haben die Ultras beider Couleurs die Regierungskrisen in Italien beendet und einen starken Mann herbeibombardiert? Die Engländer lassen sich nicht aus ihrer Ruhe bringen, die Spanier sich in ihrer Zielsetzung nicht beirren, die Italiener lassen sich ihr Leben nicht verderben. Ein Häuflein deutscher Terroristen aber, eine verschwindende Truppe gemessen an der IRA, bringt es fertig, die stabilste und wirtschaftlich mächtigste Demokratie Westeuropas in kürzester Zeit in einen Angst-und-Bange-Staat zu verdrehen. Dabei mußten bei uns insgesamt weniger Menschen an Attentaten sterben als allein an einem Wochenende in Belfast; und werden die deutschen Terroristen in der internationalen Szene verachtet wegen ihrer angeblichen Uneffektivität und ihren Luxusansprüchen. Gewiß, jeder Mord ist zuviel. Aber es gilt auch: Augenmaß bleibt Augenmaß.

Und gewiß stecken der deutschen Bevölkerung zwei Weltkriege, zwei Hungersnöte, zwei Inflationen und eine Diktatur in den Knochen, ist ihr dadurch nichts so teuer wie Sicherheit und Wohlstand; so geistlos und selbstzufrieden sich das oft auch ausnimmt, man kann es verstehen, auch, daß sie aufgeschreckter reagiert auf Arbeitslosigkeit und ungefaßte Verbrecher als Nationen, die durch chronische Krisen immuner geworden sind gegen Lebensangst. Traditionen kommen hinzu, besonders die eingefleischten Erwartungen an einen immer noch preußischen Staat.

Das kann aber das bedrückend bedrückte Klima bei der jüngeren Generation nicht erklären. Das Syndrom aus Bockigkeit und Resignation, Selbstzensur und Zynismus kommt durch das Halali auf die ‚Sympathisanten‘ nicht zum Ausbruch, es schwelt…


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