Titel: Schönheit II , 2008

Jürgen Raap

Die vereinheitlichte Schönheit

Sozial-kulturelle Standardisierung und künstlerische Übersetzung

Schönheit ist nicht naturgegeben, sondern sie ist machbar. Das gilt nicht erst seit dem 19./20. Jh., als vor allem die genialistischen Schöpfermythen die Leitbilder für den Kulturbetrieb lieferten, von Richard Wagners „Gesamtkunstwerk“-Begriff bis zu Salvador Dalis exzentrischen Auftritten und dem nicht weniger pompösen Malerfürstentum von Markus Lüpertz. Und das gilt natürlich auch nicht erst dann, als die plastisch-kosmetische Chirurgie ihren jetzigen hohen handwerklichen Standard erreicht hatte.

Schönheit ist nicht nur eine Angelegenheit der bloßen sensuellen Empfindung, sondern sie ist zugleich auch ein Feld der mathematischen Berechnung und Definition, wie dies im Kapitel „Star-Kult und Maskerade“ und an anderen Stellen dieser Dokumentation dargelegt wird.

Aber kann man mit solchen Berechnungen Schönheit tatsächlich normieren? Vom Militär und von den Protokollregeln der Diplomatie kennen wir ja detaillierte Verordnungen für die äußere Erscheinung, wenn z.B. den Soldaten die Länge des Haarschnitts genau vorgegeben wird oder wenn Regeln festgelegt werden, zu welchen Gelegenheiten und zu welcher Kleidung man einen Orden trägt. Diese regulativen Normen haben indirekt schon etwas mit der Proklamation von Schönheit zu tun, weil ja in der soldatischen Erscheinung mit „militärischem Haarschnitt“ die alten männlichen Idealbilder vom Krieger fortwirken, und weil ebenso die Konventionen für eine „Abendgarderobe“ bei bestimmten gesellschaftlichen Ereignissen darauf abzielen, die ritualisierte Festlichkeit einer einstmals höfischen Etikette ins bürgerliche Zeitalter zu verlängern, und zwar soziologisch wie ästhetisch.

Seit der unmittelbaren Nachkriegszeit der späten 1940er Jahre setzen Modeschöpfer wie Christian Dior mit ihren Kreationen der „Haute Couture“ als die eigentlichen Protokollchefs die modisch-ästhetischen Standards für die…

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