Titel: Schönheit II , 2008

Jürgen Raap

Selbstinszenierung

Body Art und körperliche Eingriffe

Als Beitrag zur Ausstellung „Das achte Feld“ stellte Hans-Peter Feldmann 2006 vor dem Kölner Museum Ludwig eine rosa „David“-Skulptur auf. Nicht nur in der Farbgebung, sondern auch in der Formensprache verlieh Feldmann dem plastischen Bildnis des berühmten Renaissance-Jünglings karikierende Züge. Der solchermaßen verfremdete rosa „David“ wirkte daher ein wenig karnevalesk, und dies war durchaus nicht unpassend in einer Stadt, die als Hochburg sowohl der Narren wie auch der Schwulenbewegung gilt.

Jahrhundertelang galt Michelangelo Buonarottis (1475-1564) nackter „David“ in Florenz als Inbegriff der Darstellung eines perfekten Körpers. „Spannung und Dynamik“ bescheinigt z.B. Uwe M. Schneede dieser 1504 entstandenen Skulptur, von der eine Kopie auf der Piazza della Signoria steht, während das Original in der Galleria dell’Accademia aufbewahrt wird. Bereits bei diesem Frühwerk ist in der leicht gedrehten Körperhaltung und dem angehobenen linken Arm erkennbar, wie sich Michelangelo anschickt, die Formensprache der Renaissance um frühbarocke Züge zu erweitern. In Körperhaltung und Proportionen folgt Feldmanns Parodie zwar dem Original, aber dennoch überwiegt in seiner Version der ironisierende Persiflage-Charakter.

Zivilisationsschäden

Bei Michelangelo hat der Realismus dieser David-Figur allerdings durchaus auch seine ästhetischen Schattenseiten. Das menschliche Modell wies nämlich schon vor 500 Jahren orthopädische Zivilisationsschäden auf, die eigentlich erst für unsere heutige Epoche typisch sind. Der britische Haltungs- und Bewegungstrainer Alan Herdman bescheinigt diesem David jedenfalls, ein „körperliches Wrack“ zu sein. Der Körper zeige „eine schlecht entwickelte rechte Gesäßhälfte“ als Folge einer „dauerhaften Fehlhaltung“, und auch um das Fußwerk sei es nicht gut bestellt: David habe „Hammerzehen“ (1).

Im Vergleich mit den jungen Erwachsenen…

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