Titel: Kunst und Literatur I , 1997

Peter Glaser

Eine Enzyklopädie der Anverwandtschaften und Entsetzlichkeiten

»Kunst wird heute immer mehr zur Nebensache.«
(David Hockney)

»Die Werbung ist wirklich weiter als die Literatur.«
(Robert Niemann)

AUSDRUCK. Der Stumpfsinn der Kunst ist phantastisch. Kunstwerk und Mensch berühren einander nicht und nicht mehr. Es gibt Kommerz, Kritik und Konversation; Ende. Von Kunst zu sprechen ist nur noch als Abwehr möglich. Man spricht von einem oder über ein Kunstwerk, um sich seiner Leere, im besten Fall seiner ausdrucksvernichtenden Aggressivität zu erwehren. Die Kunst spricht nicht mehr zu uns, im Schweigen aber ist die Natur unübertrefflich. Daß ausgerechnet eine Verhüllung zur künstlerischen Feier des Jahrzehnts wurde, ist bezeichnend. Das Große an der Kunst des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist das aufwendige Verbergen des Nichts, eine mit fortwährend spektakuläreren wie antispektakuläreren Mitteln abgeschirmte, eisige Mitte an Ausdruckslosigkeit. Klarer Ausdruck oder auch nur eine Fraglosigkeit käme einem Eingeständnis gleich, wovon auch immer. Es ist nun also zutiefster Wunsch der Kunst, unverstanden zu bleiben. Darin ist sie der Literatur zum Feind geworden, die weiterhin spricht. Ausdruckswille ist Kultur. Jenseits der Sprache beginnt die Gewalt.

BEWEGUNG. Weder in der Literatur noch in der Kunst gibt es heute eine Bewegung oder Gruppierung. Versuche, Autoren zu einer Neuen Literatur zu versammeln, scheitern in den letzten Jahrzehnten rundweg; Vergruppungen bildender Künstler gleichen eher dem, was im Marketing „Dachmarke“ heißt, als einer Gemeinschaft. Das Individuum ist wieder da; und verweht. Der mächtige Held der westlichen Welt, In-Dividuum, das unteilbare Ich, gibt auf. Es ist Zeit fürs Viele statt den Einen. Eine EntIchung, also: VerWirung kündigt sich an. Die…

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