Magazin: Publikationen · von Michael Hauffen · S. 487
Magazin: Publikationen , 1997

Farbspritzer als politische Äußerung wurden zur Außenpolitik

Bis heute gilt die Farbspritzerei des Abstrakten Expressionismus einer formalistischen Kunstgeschichte als erhabener Ausdruck der freien künstlerischen Schöpferkraft. Jenseits dieser unrettbaren Regression in den Glauben an ein Originalgenie und die hierarchisierende Behauptung eines einmaligen, individuellen künstlerischen Ausdrucks, entwirft diese Interpretation einen von sozialen und politischen Einflüssen autonomen Raum künstlerischer Produktion und Rezeption. Die biografischen Untersuchungen bspw. von Jackson Pollock berücksichtigen auch kleinste Details seines Lebens, und andere Beiträge reflektieren eloquent die Impressionen vor seinen Drippaintings, meist ohne auch nur irgendeinen Bezug zwischen der gesellschaftlichen Situation und der künstlerischen Produktion herzustellen. Dem setzt der kanadische Kunsthistoriker Serge Guilbaut 1983 in dem erst jetzt auf deutsch erschienenen Buch »Wie New York die Idee der Modernen Kunst gestohlen hat. Abstrakter Expressionismus, Freiheit und Kalter Krieg« seine These entgegen: »daß der unvergleichliche nationale und internationale Erfolg der amerikanischen Avantgarde nicht allein – wie man in den Vereinigten Staaten und in Europa noch heute behauptet – auf ästhetischen und formalen Gründen beruht, sondern ebensosehr, vielleicht sogar noch mehr, auf der ideologischen Resonanz dieser Bewegung.« Im wesentlichen konstatiert Guilbaut dafür zwei Gründe: Mittels einer kritischen Lektüre der Diskussionen zwischen den KünstlerInnenverbänden und den Literaten beobachtet er die Intention zur Verstärkung des Persönlichen in der künstlerischen Praxis. Während aus dem politischen Feld des reaktionären Amerikas heraus aus Angst vor einem ähnlichen Einfluß, wie er von der Sowjetunion auf Europa ausgeübt wurde, der ideologische Druck auf die Avantgarde verstärkt wurde. Hier führt Guilbaut einen Tagebucheintrag des liberalen Präsidenten Truman an, in dem…

Kostenfrei anmelden und weiterlesen:

  • 3 Artikel aus dem Archiv und regelmäßig viele weitere Artikel kostenfrei lesen
  • Den KUNSTFORUM-Newsletter erhalten: Artikelempfehlungen, wöchentlichen Kunstnachrichten, besonderen Angeboten uvm, jederzeit abbestellbar
  • Exklusive Merklisten-Funktion nutzen
  • dauerhaft kostenfrei

L_Test-Zugang