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Christina Steinbrecher-Pfandt, künstlerische Leiterin der viennacontemporary

im Gespräch mit Sabine Maria Schmidt

Seit 2014 ist Christina Steinbrecher-Pfandt die Künstlerische Leiterin der viennacontemporary, Österreichs internationale Kunstmesse. Erstmals aktiv für die Wiener Messe für zeitgenössische Kunst war sie 2012, damals noch zusammen mit Vita Zaman. Bereits 2009 bis 2012 leitete die junge Kulturmanagerin und Powerfrau die Art Moscow; von 2011 bis 2012 das Moscow House of Artists. Hergelockt in die russische Metropole hatte sie 2008 Volker Diehl, dessen Moskauer Galerie sie dort leitete. Da war sie 25 Jahre alt. Mit ihrer „europäischen“ Biographie verkörpert Christina Steinbrecher-Pfandt geradezu das Konzept der Messe, das auf einen starken Austausch mit Osteuropa setzt. Geboren 1983 in Kasachstan, dort mehrsprachig aufgewachsen, kehrte sie mit ihren deutsch-russischen Eltern 1991 nach Köln zurück, wo sie ihre Schulzeit verbrachte und zunächst BWL studierte. Das benachbarte Museum Ludwig, unter der Ägide von Kasper König, wurde zur zweiten Ausbildungsstätte. 2007 schloss sie dann noch an der Manchester University (UK) mit einem Master über „Zeitgenössische Kunst der 1990er Jahre in Moskau“ ab.

Sabine Maria Schmidt: Wie würden sie das Profil der viennacontemporary umreißen? Was haben sie weiterentwickeln können, seit sie die Messe leiten?

Christina Steinbrecher-Pfandt: Die viennacontemporary ist die internationale Messe für zeitgenössische Kunst in Wien. Seit 2012 haben wir das Profil geschärft und internationalisiert. Wir haben der Messe die richtige Größe gegeben, ca. 110 Galerien sind beteiligt, und in den letzten Jahren hat sich eine gute, gedrittelte Proportion von österreichischen, europäischen und internationalen Beteiligten eingependelt. Die Messe ist ein „Must-Event“ für Österreich. Der internationale Besucher lässt sich hier Zeit und bleibt ca. 2 bis 3 Tage. Wien gilt seit Jahren als „most-livable“- City, es ist alles fußläufig, man kann sich gut orientieren, das Galerienangebot ist einzigartig. Das gilt ebenso für die hiesigen Kunst- und Kulturinstitutionen.

Erzählen Sie etwas über die Location? Bleibt die Marx Halle Ort der Messe?

Die Ende der 1880er Jahre gebaute Halle war immer ein Ausstellungsgebäude. Ursprünglich wurden hier Rinder ausgestellt und gehandelt. In den 1960/70er Jahren haben dort Punk- und Rockkonzerte stattgefunden, die als legendär erinnert werden. Der Ort ist seither mit Kultur assoziiert und passt perfekt.

Welche Formate sind Ihnen wichtig, welche sind gescheitert bzw. welche fehlen noch?

Es gibt drei wichtige Stränge: zunächst die Zone 1, die die im weitesten Sinne österreichische Künstlergeneration bis 40 Jahre repräsentiert. Jährlich gibt es einen Länderfokus, in diesem Jahr Armenien, und wichtig sind mir auch die Collector & Professional Talks. Was noch verbessert werden könnte, ist ein Programm zur Präsentation von Skulptur, auf der Messe oder in der Stadt. Das ist teuer und uns fehlen hier noch Sponsoren.

Nach welchen Kriterien werden Galerien auf die Messe nach Wien geladen? Was wünschen sich die Galerien von der vienna contemporary?

Das Komitee sucht nach bestem Wissen und Gewissen aus. Mit dabei sind Miryam Charim (Wien), Ursula Krinzinger (Wien), Emanuel Layr (Wien), Nikolaus Oberhuber (Berlin/Madrid), Timothy Persons (Berlin/Helsinki), Margit Valko (Budapest). Die Aufgabe dabei ist, Galerien zu finden, die das Angebot der Messe bereichern und auch zu Unterstützern der Messe werden: also die begeistert sind und somit aktiv bei Sammlern für Wien werben. Wir haben mittlerweile einen sehr guten Stamm an Galerien. Wir hingegen möchten einen guten Service liefern und dazu gehört natürlich auch die Sammlerbetreuung. Und kommerzieller Mindesterfolg ist natürlich wichtig.

Das Klagen in der Galerienszene ist wegen der Sekundärmärkte groß. Privatisiertes Geld gibt es wie Heu. Und es gibt die globalen Brands, wie die Frieze, die Art Basel, die das Top-High-end des Marktes bedienen und das Kapital abgreifen. Wo liegen Entwicklungschancen für Galerien?

Schwierig ist es immer da, wo die zeitgenössische Kunst noch nicht etabliert ist, wo nicht direkt, in absehbarer Zeit, Gewinne zu erwarten sind. Die Anzahl spekulativer Sammler ist stetig gestiegen. Der Run auf Künstlernachlässe ist hoch. Entwicklungschancen sehe ich da, wo (Spezial-) Wissen vorliegt, Offenheit für Digitalisierung, ein gutes Auge für Qualität.

In zahlreichen Interviews wird das Lebensgefühl in Wien von ihnen über den Klee gelobt, was ich persönlich nachvollziehen kann. Doch hat sich da nicht auch politisch etwas verändert?

Wir sind eine private Firma, wir werden nicht von jeder Wahl beeinflusst. Ich warte erst einmal, was sich tatsächlich tut im Land, jenseits der in den Medien produzierten Informationen und Aussagen.

Wie beurteilen Sie den Abgang von Kollegen und Kuratoren (etwa aus politischen Gründen)?

Niemand in einer Direktorenposition – gleich sie oder er – handelt leichtsinnig. Das sind immer Fragen der eigenen Perspektive und Gesinnung.

In diesem Jahr ist der Länderfokus der Messe auf Armenien gerichtet, eine Szene, die seit der Biennale in Venedig 2015 verstärkt wahrgenommen wird. Wie wird das aussehen?

In Armenien gibt es keine Galerien für zeitgenössische Kunst. Und es gibt keinen Markt, aber dennoch eine sehr lebendige Kunstszene. Unsere Präsentation entsteht in Kooperation mit der Armenian Art Foundation, die zahlreiche Künstler im Land unterstützt und Projekte produziert hat. Sona Stepanyan, die Kuratorin der Stiftung, wird auf 70 m² unter dem Titel Dreaming Alive einen Überblick über die letzten drei Jahrzehnte schaffen. Außerdem wird es eine umfangreiche Research-Mediathek geben. Die Auszeichnung des Armenischen Pavillons mit dem Goldenen Löwen in Venedig 2015 hat ja auch deutlich gemacht, wie wichtig die Unterstützung von Kunst durch private Stiftungen in dem Land ist.

Was zeichnet die Kunstszene in Armenien aus?

Ihre Wirkmächtigkeit. 2017 wurde die Triennale Standart ins Leben gerufen. Am besten auf die Website schauen. Seit den 1980er Jahren galten Interven tionen von Künstlern bzw. künstlerische Gesten als der einzige Weg gegen das autoritäre Regime zu protestieren. Heute verwenden einige Politiker das Voka bular der Künstler der 1980er Jahre; ein spannender Wendepunkt, der als „samtene Revolution“ in Armenien bezeichnet wird.

Sie reisen durch die ganze Welt und haben an sehr verschiedenen Orten gelebt. Wo sehen sie aktuell die wichtigsten Impulse für künstlerisches Schaffen?

Ich denke, die kommen momentan aus Ländern wie China, wo die Grenzen zwischen Staats- und Marktwirtschaft fließend sind; und aus Umbruchsituationen in Osteuropa und Afrika. Künstler mit einem spezifischen Migrationshintergrund sind gerade auch sehr gesucht auf dem Markt.

Wer hat aktuell die wichtigsten Stimmen in der Kunst? Bitte der Reihenfolge der Bedeutung nach sortieren: Museumsdirektoren und -kuratoren, Galeristen, Auktionshäuser, Sammler, Kritiker, Wissenschaftler oder Publikum?

Den Marktkanon bestimmen: A. Sammler; B. Auktionshäuser; C. Galerien und Publikum; D. Museumsdirektoren; E. Kritiker und Wissenschaftler.

Welche Messen (abgesehen von der viennacontemporary) sollte man aktuell unbedingt besuchen?

Frieze und Frieze Masters; die Moving Image Art Fair (in London und New York) und die Loop in Barcelona. Die Bedeutung von Video und digitaler Kunst wird wieder größer werden. Und nicht zuletzt die 1:54 Contemporay African Fair in London. Die wird immer spannender für Sammler.

Galeristen sind Enthusiasten und Allrounder mit zahlreichen Kompetenzen.

Welche anderen Messen werden aktuell noch von Frauen geleitet?

Die Armory Show, die Frieze NY, die Brussels Art Fair, Fiac in Paris, man kann sie wohl noch an einer Hand abzählen.

Werden Frauen in der Kunst noch immer benachteiligt? Verdienen Frauen auch auf dem Kunstmarkt weniger als Männer?

Ja, sie verdienen immer noch weniger. Von direkter Benachteiligung zu sprechen, ist schwierig. Viele Galerien und Museen in Wien werden von Frauen geleitet. Allerdings sitzen in Politik und Aufsichtsräten wieder Männer, mit denen sich Frauen in Führungspositionen auseinandersetzen müssen. Männer, die oft lieber mit Männern sprechen. Das merke ich auch manchmal selbst und konfrontiere da inzwischen.

Der Trend, Kunst als Investment zu werten, ist weltweit verschärft zu beobachten.

Sie haben der Messe ein junges und frisches Gesicht gegeben, auch Ihr eigenes. Die Zeitschrift „Woman“ kürte sie im September 2016 zur „Frau des Monats“, man befragt sie bei „Diva online“ nach Stylingtips. Sie designen ihre Kleidung selbst und sind in den sozialen Medien hoch aktiv, mit ca. 4520 Followern allein auf Instagram. Das ist enorm. Wie choreografiert man einen solchen Auftritt zwischen Profession und Biographie?

Ich bin seit 2006 bei Facebook und habe während meines damaligen Moskauaufenthalts die enorme Bedeutung von Social Media kennengelernt. Ich freue mich über gute Information, den professionellen Austausch. Mir macht es Spaß und ich bin gerne aktiv.

Sie jonglieren mit mehreren Handys, unterscheiden in der Kommunikation zwischen den Digital Natives, den 40+, 50+, sind immer online. Bezogen auf Digitalisierung äußerten sie einmal, es hätte heute Vorteile, jung zu sein?

Es hat in Europa ein wenig gedauert, bis die Social Media den Markt durchdrungen haben. Ich glaube, mittlerweile weiß jeder in der Messebranche, dass es einfach wichtig ist, offen zu sein für neue Produkte und digitale Möglichkeiten. Jung zu sein, hat daher keinen Vorteil mehr. Internetkompetenz kann man in jeder Agentur kaufen.

Wie sieht die Zukunft der Galerien aus?

Galeristen sind Enthusiasten und Allrounder mit zahlreichen Kompetenzen. Ich sehe dennoch, wie sich der Druck immer mehr erhöht, die laufenden Kosten einfach zu hoch werden. Ich glaube, Galerien werden enger kooperieren müssen oder ganz auf Räume verzichten. Wer sich intensiv mit dem Internet als Vertriebsquelle auseinandersetzt, wird aber auch zukünftig seine Rechnungen zahlen können.

Wie sieht die Zukunft des Marktes aus?

Ich sehe eine starke Teilung zwischen Investitionsmarkt (Estate und Blueship) und Institutionsmarkt (Galerien und „lebende“ Künstler). Der Trend, Kunst als Investment zu werten, ist weltweit verschärft zu beobachten.

Wie nutzen Künstler aus ihrer Sicht die sozialen Medien?

Manche entwickeln eine Art Alter Ego, andere posten wie auf einem Lifestyle-Blog. Ziel ist meist, ein eigenes Publikum zu finden und zu verkaufen. Dabei ist das Publikum meist nicht primär an der Kunst interessiert, sondern an dem Produzenten selbst.

Wer ist Avantgarde in den sozialen Medien? Was wird dort als Avantgarde diskutiert?

Selbstdarstellung als Kunstform und die Maximalnutzung von Technologie zur Schaffung von Kunst, wie z.B. bei Signe Pierce, Katzu oder Izumi Miyazaki.

Was gehört unbedingt geändert, wenn man die Welt verändern könnte?

Die Einführung der Frauenquote überall, eine Mindestausbildung von elf Jahren Schule und ein verpflichtendes soziales Jahr.

Und welche natürliche Gabe würde Sie gerne noch besitzen?

Unendlichen Speicherplatz, ein unend liches Gedächtnis …

Von 27. bis 30. September 2018 versammelt die viennacontemporary über 100 Galerien und Institutionen aus 27 Ländern unter dem Dach der historischen Marx Halle in Wien. Der Länderschwerpunkt in diesem Jahr ist Armenien. Der neue Programmpunkt Explorations zeigt kuratierte Standpräsentationen bei ausgewählten Galerien. Die ZONE1 präsentiert KünstlerInnen unter 40, die im weitesten Sinne aus Österreich kommen. Kimberly Bradley kuratiert die dies jährige Talk-Reihe: Where are we now?
Näheres zum Programm und zur Kunst in Armenien. http://www.viennacontemporary.at https://www.standart-armeniatriennale.net/ introduction

von Sabine Maria Schmidt

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