Magazin , 1989

Dirk Schwarze

Harry Kramers Künstlerfriedhof in Kassel

Die Sprache verschlagen, um Worte verlegen machen, zum Schweigen bringen: welcher Künstler wollte das nicht bei seinem Publikum erzwingen durch seine Werke? Ergreifen und überwältigen, fesseln und nicht mehr loslassen sollen sie den Betrachter; und wer dann so vor den Werken andächtig verharrt, hat allemal Ähnlichkeit mit einem, der auf einem Friedhof sich befindet.“ Timm Ulrichs, der 1969 im Kunstraum Hannover seinen eigenen Gedenkraum inszeniert hatte, leitete 1980 mit diesen Sätzen einen Aufsatz („Denken Sie immer daran, mich zu vergessen!“) ein, in dem er sich mit der Wechselbeziehung von Kunst und Totengedenken beschäftigte. Für Ulrichs ist jedes geschaffene Kunstwerk auch ein Denkmal, das sich der Künstler selbst setzt, also auch immer schon Monument und Grabstein: „Wenn Künstler Kunst machen, um sich damit ein Denkmal zu setzen, im Werk sich zu ‚verewigen‘, wenn sie Arbeiten schaffen, die die Wirkung haben von Grabmälern und Andachtsstätten, und sich am besten aufgehoben fühlen in Museen, die anmuten wie Mausoleen, dann ist nur konsequent, unter Ausschluß ’sonstiger‘ Werke, gleich und unmittelbar durch ein veritables Denk-Mal (und dabei am besten durch ein ‚definitives‘ wie ein Grabmal) sich das angestrebte Denkmal zu setzen, das sich und seinen Autor wiederum denk- und denkmalswürdig macht.“

Natürlich war dies ein ironischer Ansatz: Indem Ulrichs die Kunst als eine höhere Form von Friedhofskultur vorführte, wollte er deren Lebensferne verdeutlichen. Andererseits verbirgt sich hinter dem in der öffentlichen Diskussion gern gebrauchten Begriff von der wirklichen, dauerhaften (früher: ewigen) Kunst genau der Gedanke, daß jedes die Zeiten überdauernde Werk…

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