Magazin , 1989

Doris von Drathen

„Zeitstau“

Im Kraftfeld des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys

Von Johannes Stüttgen, erschienen im Verlag Urachhaus, 1988, 190. S.

Vielleicht sind die Frage und die fortdauernde Unruhe, wie man nach Beuys‘ Tod mit seinem Werk umgeht, sein eigentliches Vermächtnis.

Johannes Stüttgen, sein Meisterschüler, der gerade den Prozeß um die Fettecke gewann, hat diese Frage grundsätzlich gefaßt als: „Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Objekt und der Idee?“

Im Todesjahr von Beuys hielt er sieben Vorträge zu dem Thema und hat sie nun als Sammelband herausgebracht. Stüttgen wendet sich an Zuhörer, beziehungsweise Leser, die von Beuys wissen, „der mit dem Hut“, und an jene sogenannten „Kunstfreunde“, die meinen, ihren Beuys verstanden zu haben – für beide, sagt Stüttgen, lohne es sich gleichermaßen, ganz von vorne zu beginnen.

An den Anfang seiner Beispiele und Bemerkungen stellt er ein kleines Objekt, das Beuys in den frühen 60er Jahren die Beschimpfung eingetragen hat, er sei nicht nur ein Scharlatan, sondern auch noch blasphemisch: Die kleine Plastik besteht aus einer Flasche rechts, einer Flasche links, in der Mitte einem Holzstab, darauf einem Holzwürfel mit rotem Kreuz – der Titel „Kreuzigung“. Die Blasphemie, vermuteten manche, läge darin, daß wohl die linke Flasche Maria und die rechte Flasche Johannes darstellen sollte und (so stand in den von Stüttgen zusammengetragenen Kritiken) die Ansammlung von Abfall das Christentum in den Dreck stoße. Die Kunstfreunde dagegen verherrlichten Beuys‘ Kühnheit, das Häßliche zur Kunst zu erheben, feierten die Antiästhetik und das Objekt als zukunftweisendes „Menetekel der Wegwerfgesellschaft“.

Mit einer kleinen, sehr sinnfälligen Beobachtung – und das ist…

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