Titel: Insel Austria · von Markus Brüderlin · S. 235
Titel: Insel Austria , 1987

Heinrich Dunst

geb. 1955 in Hallein/Sbg., lebt in Wien

Ästhetik der Ambivalenz

Heinrich Dunsts künstlerische Konzeption opperiert augenscheinlich im Feld der konstruktiven Formenwelt. Die genauere Betrachtung der Entwicklung seines Werkes zeigt jedoch, daß diese wenig mit dem Autonomismus und ästhetischen Utopismus der historischen Abstraktion zu tun hat. Die geometrischen Reliefs, Objekt- und Materialbilder verweisen auf eine aktuelle inhaltliche Thematik, die ihren Hintergrund in der existentiellen, geistigen Erfahrung unserer kulturellen Situation an der Schwelle zwischen Moderne und Postmoderne findet. Vereinfacht gesprochen handelt es sich um das Bewußtsein vom fragmentarischen und brüchigen Charakter unseres Wirklichkeitsbezuges, um die Austauschbarkeit der Zeichen (»semiotische Katastrophe«) und um die Erkenntnis von der Unmöglichkeit, heute noch allseits verbindliche und übergreifende Weltmodelle zu schaffen.

Für Dunst kondensiert sich diese Situation in einer schmerzlichen, aber unumgänglichen Erfahrung der Ambivalenz. Dunsts künstlerischer Weg setzt bei den urtümlichen skulpturalen Objektkollagen ein, in denen in einem quasi-totemistischen Gemisch naturhafte Materialzitate (Lehmpatzen, Fellstücke usw.) und ein kulturell-magischer Zeichenbezug »aneinander-kollidiert« wurden. In Erinnerung an Claude Lévi-Strauss‘ Theorem vom »Wilden Denken« waren hier die elementaren Prinzipien von Materie und Geist, von Dionysischem und Apollinischem vereint. Der Drang nach Klärung führte dann vom »wilden« zu einer Art »bildnerischem Denken« (Paul Klee) – einer Systematisierung auf einfache Formbeziehungen, die auf ihre Ausdrucksfähigkeit und Zeichenhaftigkeit hin befragt wurden. Auf einer dritten Stufe gelangte er (mit seinen zweiebnig verschichteten und ausgeschnittenen Spanplattenreliefs) zu einer rein abstrakten, vom Formsymbolischen befreiten Sprachlichkeit, die über eine irritierende konstruktivistische Wahrnehmungsdynamik auch literarische Gehalte transportierte.

Mit der behutsamen Erweiterung der bildnerischen Mittel entstanden dann in letzter Zeit vielsprachigere Objektbilder,…

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