Gespräche mit Künstlern , 1990

Ich bin überzeugt, daß der Raum der Kunst und der Raum unseres Lebens zwei verschiedene Räume sind.

EIN GESPRÄCH MIT HEINZ SCHÜTZ

Nachdem sich die Sowjetunion öffnete, ist Erik Bulatov im Westen der wohl am meisten beachtete russische Künstler. Seit Februar 1989 hielt er sich in Europa und den Vereinigten Staaten auf. Am Ende des Jahres wollte er nach Moskau zurückkehren. Die westliche Rezeption versucht immer wieder, Bulatov als „Perestroika- Künstler“ zu vereinnahmen. Das folgende Gespräch zeigt, daß Bulatovs Konzeption des sozialen – sprich „ideologischen“ – und des künstlerischen – sprich „wahren“ – Raumes über die gegenwärtige politische Diskussion hinausweist.

*

H.S.: Ein Charakteristikum, das den öffentlichen Raum der Sowjetunion von dem des kapitalistischen Westens unterscheidet, besteht in Art und Masse der öffentlichen Bilder: Der ideologische Unismus der Sowjetunion zeitigt propagandistische Bilder, dem entgegen stehen im kapitalistischen Westen die Verzehrung der Sinngehalte in der Werbung und die sich selbst relativierende und aufhebende Bilderfülle der Medien. In Ihrer Malerei und in Gesprächen insistieren Sie immer wieder auf der Bedeutung des Bildes. Befürchten Sie nicht, daß auch Ihre Malerei im Westen von der Bilderflut erfaßt und Ihres emphatischen Anspruchs beraubt wird?

E.B.: Die Bedeutung des Bildes ist für mich so groß, daß es keine Rolle spielt, wieviele Bilder ich sonst noch um mich herum sehe. Mit „Bild“ meine ich nicht mein persönliches Bild, sondern ein ideales Bild, das existiert, bevor es gemalt oder gezeichnet wird. Wie das Wort existiert, ehe es gesprochen wird – d.h., der gesprochene Laut ist nur der materielle Körper des Wortes – ,…

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von Heinz Schütz

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