Ausstellungen: Strassbourg , 1994

Doris von Drathen

Jochen Gerz

Musée de la Ville de Strasbourg, Ancienne Douane,

9.2. – 8.5.1994

Indianer sterben aufrecht wie Bäume, so sagt ein südamerikanisches Sprichwort. Stehend sterben, das ist das Bild für den Tod eines Helden. Was ist das Bild eines ans Kreuz genagelten Jesus gegen einen ermordeten Marat in der Badewanne?

In zivilisierten Wäldern werden Bäume gefällt, bevor sie sterben. Für die Holzindustrie werden die Stämme dann mit der Kreissäge der Länge nach in Scheiben geschnitten. Zum Stapeln im Holzdepot werden zwischen die Planken dann kleine Klötze geschoben, damit das Holz gut trocknen kann. Gestapeltes Holz ist der Mittelpunkt der großen Ausstellung von Jochen Gerz in Strasbourg. Die Arbeit heißt „Das Depot“, 1979. Der Holzfäller hieß Roth. Der Name steht auf jeder Planke, so als hätte ein Gestütsbesitzer seine Pferde markiert.

Eigentlich wollte Gerz eine Arbeit aus Holzspänen machen. Seine vorbereitenden Zeichnungen mit der routinierten Spiegelschrift sehen aus wie ein Haarkranz um eine Vulva und erinnern an die fließenden Mähnen in den Zeichnungen von Agnes Martin. Erst wer näher hinschaut und den Text entziffert, versteht mehr. Das Lesen der Texte von Gerz ist inzwischen auch in Frankreich leichter geworden. Mit der Ausstellung liegt der deutsche Textband (aus dem Kerber Verlag, Bielefeld, 1985) in der unendlich präzisen Übersetzung von Jean-Claude Walfisz vor (in: Collection Ecrits d’artistes, die der Direktor der Pariser Ecole des Beaux Arts, Yves Michaud, im hauseigenen Verlag herausgibt).

Aber wie im Theater von Bob Wilson sind Text und Bild bei Jochen Gerz verschiedene Spuren. Die Bildspur allein ist reich genug. Ein horizontaler Baum…

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von Doris von Drathen

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