Ausstellungen: London , 1994

Stephan Berg

Julian Opie

Hayward Gallery, London, 4.11.1993 – 6.2.1994

Ein Bilderstapel mit schlampig nachgemalten Meisterwerken der klassischen Moderne liegt scheinbar achtlos auf dem Boden. Bei näherem Hinsehen stellt man fest, daß das gesamte Arrangement aus Metall besteht. Eine Metallbox mit Lamellen an der Vorderseite ist knapp über der Fußbodenleiste an einer Wand angebracht und sieht aus wie ein Teil eines Belüftungssytems. Bunt bemalte Betonquader stehen und liegen wie zu groß geratene Spielklötze auf dem Terassenboden. Grau-weiß bemalte Holznachbildungen von Schlössern, Wohnhäusern und Kirchen befinden sich in direkter Nachbarschaft zu raumfüllenden Wandgemälden, die Blicke in offensichtlich cyberspace-inspirierte Raumfluchten zeigen.

Aller auf den ersten Blick verwirrenden formalen Vielgestaltigkeit zum Trotz ist eine Charaktereigenschaft allen Werken Julian Opies gemeinsam: Die Ambiguität ihrer Erscheinung. Keine der Arbeiten des 1958 geborenen britischen Künstlers läßt sich auf einen eindeutigen Status festlegen. Seine Burgen und Kirchen sind zu groß, um als Modelle oder Spielzeug durchzugehen, aber deutlich zu klein, um als Realität ernst genommen werden zu können. Der trompe l’oeil-Effekt seiner Metallbilder ist zu dürftig, um den Betrachter nachhaltig zu täuschen, aber zu deutlich inszeniert, um nicht auch intendiert zu sein. Die minimalistischen Raumboxen, die Opie vorwiegend aus Glas und Metall baut, verweigern sich handgreiflicher Nutzung ebenso sehr wie reiner ästhetischer Kontemplation. Sie wirken wie High-Tech-Büromöblierungen, die versehentlich an einen falschen Ort, nämlich in einen Ausstellungsraum geraten sind, und andererseits auch wieder wie unlustige Kunstwerke, die viel lieber Alltagsgegenstände unter anderen wären.

Mit seiner Strategie der gezielten Verunsicherung von Wahrnehmungsgewohnheiten, der systematischen Verunklärung und Infragestellung des Status‘ von Kunstwerken und einem…

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