Ausstellungen: New York · von Rudolf Frieling · S. 418
Ausstellungen: New York , 1994

Rudolf Frieling

Jenny Holzer

»Virtual Reality«

Guggenheim Museum, SoHo, 23.10. – 1.11.1993

Sprache ist die einfachste Form, während Bilder ablenken“ – dieses Credo verband Jenny Holzer bisher mit ihrer Kunst. Ihre Beschäftigung mit Text und Raum führte zur Verwendung „immaterieller“ Arbeitsmaterialien wie bewegtem Licht. Elektronische Laufschriften, LED-Anzeigen (LED = light-emitting-diode), mit denen sie seit langem arbeitet, bedeckten bei ihrer Installation für die Biennale in Venedig 1990 drei Wände eines Raumes mit hochglänzendem Marmorfußboden. Dieses textuelle „Spiegelkabinett“ überwältigte den Betrachter mit einer babylonischen Ansammlung von Sprachen als aggressivem und exzessivem Spiel der Zeichen. Bewegt und gespiegelt lassen Texte, die den Betrachter gänzlich umgeben, den Standpunkt und schließ-lich die Kontrolle verlieren. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit wird erschüttert, wenn der Körper sich einem schwindelerregenden Strudel von ungreifbaren, abstrakten Zeichen ausgesetzt sieht.

Im Herbst letzten Jahres hat Jenny Holzer in der SoHo-Dependance des Guggenheim-Museums, New York, einen doppelten Schritt getan: Mit der Erschaffung virtueller Welten betrat sie zum einen künstlerisches Neuland, zum anderen „befreite“ sie sich von der konzeptuellen Beschäftigung mit Schrift. Das „Spiegelkabinett“ von Venedig ist in „World I/II“ gänzlich immateriell geworden. Die erste Welt bietet schwebende Würfel in einer aus grellen Farbmustern bestehenden Röhre im Stil von Stanley Kubricks Zeittunnel („Odyssee im Weltraum“). Jeder Würfel setzt sich zusammen aus Fotos eines Menschen. Berührt man, in der Hoffnung, den Raum zu verändern, eines mit dem Daten-Finger, verschwindet lediglich das bildliche Gegenüber. Der Raum bleibt unverändert.

Die Venedig-Installation erzeugte mit dem Sprachfluß der „immateriellen“ Zeichen einen Strudel. Auch im Farbfluß von „World I“ ohne Anfang und Ende wird die Orientierung…

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