Kunstforum-Gespräche , 2013

Klee war mein ständiger Begleiter

Reinhard Spieler, Nachfolger von Ulrich Krempel am Sprengel-Museum Hannover im Gespräch mit Helga Meister

Reinhard Spieler, Jahrgang 1964, hatte 1997 bei Uwe M. Schneede über die Triptychen von Max Beckmann promoviert, war 1997 bis 2000 zunächst als Volontär, dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf tätig, wechselte als Gründungsdirektor 2002 ans museum franz gertsch nach Burgdorf bei Bern, übernahm 2007 die Leitung des Wilhelm-Hack-Museums in Ludwigshafen und wechselt im Februar 2014 nach Hannover. Dort wird er Nachfolger von Ulrich Krempel am Sprengel-Museum. Helga Meister sprach mit Reinhard Spieler.

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Helga Meister: Mit 49 Jahren sind Sie ja auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere angekommen. Erst Museumschef in Burgdorf, dann in Ludwigshafen und demnächst in Hannover. Wie machen Sie das?

Reinhard Spieler: Bisher war kein Schritt, den ich gemacht habe, wirklich geplant. Alle Schritte haben sich ergeben – auch für mich oft sehr überraschend.

Im Katalog-Vorwort Ihrer viel gelobten Ausstellung I Love Aldi geben Sie ein wenig schmeichelhaftes Bild von Ludwigshafen mit „omnipräsenten Discount- und Billigläden“ im Zentrum. Sie schreiben: „Billig muss es offensichtlich sein in dieser Stadt, die zwar eine Vielzahl von Arbeitsplätzen anbietet, die BASF unterhält z.B. in Ludwigshafen den größten Chemiestandort der Welt, in der aber viele Gering- oder Gar-nicht-Verdiener sesshaft sind, während die Besserverdienenden bevorzugt in der Umgebung leben.“ Sind Sie froh, diesem Ludwigshafen entfliehen zu können?

Also, ich habe es am Wilhelm-Hack-Museum als Herausforderung begriffen, in so einem Umfeld moderne und zeitgenössische Kunst vorzustellen, Begeisterung dafür zu wecken, aber es kostet schon sehr viel Energie. Die Bevölkerungs- und Bildungsstruktur in der Innenstadt von Ludwigshafen ist extrem kunstfern. Ich freue mich schon sehr darauf,, nach langer Zeit wieder in einem Umfeld zu arbeiten, in dem mehr Interesse für Bildung und Kultur vorhanden ist. Ludwigshafen ist eine harte Stadt. Die Fußgängerzone ist schockierend für Leute, die von außen kommen. Es gibt viele Leerstände, Ein-Euro-Läden, Selbstbedienungsläden und Dönerbuden.

Das Wilhelm-Hack-Museum wie das Sprengel Museum sind kommunal, aber in Hannover gibt es eine finanzielle Beteiligung des Landes Niedersachsen. Können Sie die finanzielle Situation in beiden Städten beschreiben?

Beim Sprengel-Museum ist die Stadt Hannover Institutionsträger, das Personal ist also bei der Stadt angestellt, aber das Land Niedersachsen beteiligt sich mit 50 Prozent an den Gesamtkosten. Hannover hat als Landeshauptstadt und mit dieser Landesbeteiligung einen ungleich größeren finanziellen Spielraum als Ludwigshafen. In Ludwigshafen ist die Stadt mit über einer Milliarde verschuldet, da fallen naturgemäß die Spielräume sehr eng aus. Kultur gehört zu den freiwilligen Leistungen. 93 Prozent des städtischen Budgets in LU sind schon für gesetzliche Leistungen festgeschrieben. Das heißt: Wenn man sparen will, kann man das nur bei den sieben Prozent tun , und das trifft eben auch die Kultur. Trotzdem hat sich die Stadt im Rahmen ihrer Möglichkeiten Mühe gegeben, das Museum vernünftig auszustatten. Es war in Ludwigshafen möglich, ein attraktives Ausstellungsprogramm zu fahren. Sehr dünn sieht es hingegen bei den Ankaufsmöglichkeiten aus. Ein Ankaufsbudget von 32.000 Euro im Jahr ist schon sehr wenig. In Hannover ist der Etat insgesamt viel größer, weil auch das Museum viel größer ist. Es ist besser ausgestattet und hat rund 10080 Mitarbeiter einschließlich Techniker, Handwerker und Aufsichten. Zum Vergleich: Allein das Sprengel-Museum beschäftigt zwei Fotografen – in Ludwigshafen gibt es einen Fotograf für die gesamte Stadt. Das Sprengel Museum hat keinen festgeschrieben Ankaufsetat, sondern Wünsche werden im Jahresbudget angemeldet. Und bislang haben sich Stadt und Land da durchaus großzügig gezeigt – unter Ulrich Krempel sind jedenfalls großartige Erwerbungen ans Haus gekommen.

Und wie ist der Ausstellungsetat in beiden Häusern?

In beiden Häusern liegt dieser Etat mit 200.000 Euro in etwa gleich.. Allerdings gibt es in Hannover ungleich mehr Möglichkeiten, über Stiftungen und Sponsoren diesen Etat substanziell aufzustocken. In Ludwigshafen kommt dafür eigentlich nur die BASF in Frage, die alle drei Jahre ein Großprojekt unterstützt, sich aber leider explizit nicht an der Infrastruktur, also am laufenden Betrieb oder auch bei Ankäufen engagiert. Das Sprengel Museum ist für potenzielle Geldgeber schon wesentlich attraktiver, insofern bieten sich dort mehr Möglichkeiten, Drittmittel zu akquirieren. .

Es gibt Ähnlichkeiten: Beide Museen entstanden durch Privatsammlungen, die von Sprengel und die von Hack. In beiden Häusern führt dies zu Schwerpunkten. Mit der großen Kurt-Schwitters-Sammlung und dem in seiner Art einmaligen „Kabinett der Abstrakten“ von El Lissitzky werden Höhepunkte der Kunst der 1920er und 1930er Jahre am Maschsee vorgestellt. Das Museum an der Berliner Straße ist ein weniger bekanntes, aber gut bestücktes Haus für abstrakte Malerei. Wichtige Werke von Malewitsch und der Russischen Avantgarde, Mondrian und de Stijl, die Zürcher Konkreten, Abstrakter Expressionismus, Informel, die Konkret-Konstruktiven sind beredte Beispiele dafür. Gibt es da Synergieeffekte für die Zukunft beider Häuser?

In der klassischen Moderne gibt es ähnliche Schwerpunkte. Sicherlich gibt es Ansatzpunkte für gemeinsame, Ausstellungsprojekte. Aber ob mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin auch Interesse an einer Zusammenarbeit hat, kann ich natürlich jetzt noch nicht sagen. Es gibt z.B. die großartige Avantgardesammlung Gabrielson, die leider schon Mitte der 1920er Jahre auseinander gerissen wurde und die für beide Häuser eine sehr interessantes Ausstellungsthema sein könnte.

Eine Ihrer grandiosen Ausstellungen in Ludwigshafen war „Surrealismus Paris Prag“, die einher ging mit einer Neubewertung des tschechischen Surrealismus. So eine Schau mit derartig hochkarätigen internationalen Leihgaben in einem mittelgroßen, kommunal getragenen Haus muss ein Kraftakt gewesen sein. War dies die Einlasskarte für Hannover, wo der Surrealismus mit Arbeiten von Max Ernst sowie mit Vertretern des Dadaismus wie Hans Arp sehr gut vertreten ist?

Es war sicher von Vorteil, Ausstellungsprojekte in Bereichen gemacht zu haben, die für die Sammlung in Hannover relevant sind, also z.B. in Surrealismus, Russischer Avantgarde und Gegenwart. Das Surrealismus-Projekt war mein erstes Großprojekt in Ludwigshafen. Wir haben das neue Feld Prag vor allem deshalb gewählt, weil es für ein Haus wie Ludwigshafen sehr viel schwieriger istgewesen ist, von den allbekannten Surrealisten viele hochkarätige Werke zu bekommen. Es war die Flucht nach vorn, ganz neue Facetten zu finden und eine Neuforschung zu betreiben. Die Entdeckung der tschechischen Surrealisten war ein spannendes und 20 Jahre nach dem Mauerfall überfälliges Projekt.

Ich habe den Eindruck, dass in Ihren Ausstellungen das Lebensgefühl, die sinnliche Inszenierung, der Bogen bis in die Gegenwart eine große Rolle spielt. Wie würden Sie denn den Surrealismus in Hannover inszenieren?

Sicherlich ähnlich! Der Surrealismus ist eine Kunstrichtung, die stark mit Sinnlichkeit operiert, in der viel unbewusste, nicht auf den ersten Blick gleich durch den Kopf laufende Sinnlichkeit im Spiel ist. Man will den Besucher überraschen, überwältigen und schockieren. Solche Momente sollten in einer Inszenierung schon eine Rolle spielen und ich würde immer versuchen, solche Überraschungen in die Inszenierung einzubauen.

Sie gelten als Fachmann für Max Beckmann seit Ihrer Dissertation von 1997 über die Triptychen des Malers. Immer wieder thematisierte er extreme Lebenssituationen wie Kampf, Leiden und Tod. Beckmann gilt als Schwerpunkt in Hannover. Was haben Sie da vor?

Schon lange träume ich von einer großen Beckmann/Picasso-Ausstellung. Hannover wäre mit starken Sammlungsblöcken sowohl bei Beckmann alswie auch bei Picasso geradezu prädestiniert dafür.…

Sie kehren zu einem „alten Bekannten“ zurück, zu Paul Klee, der mit 104 Werken in Hannover vertreten ist. Durch Ihre Tätigkeit an der Kunstsammlung NRW dürften Sie für Klee „geimpft“ sein. Das Sammlerehepaar Bernhard und Margit Sprengel trug Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers zusammen und legte das Augenmerk auf Klees Spätwerk mit den melancholischen und tragischen Aspekten. Er war als Professor nach Düsseldorf berufen, lehrte dort nur zwei Jahre und wurde durch die Nazis entlassen. Was haben Sie da vor?

Es geht zunächst einmal darum, den Klee-Bestand komplett aufzuarbeiten, das ist schon angedacht. Über Ausstellungen kann ich aber im Moment noch nichts sagen. Klee zieht sich durch alle meine Stationen, in Düsseldorf, aber auch in Bern. Als ich in Bern arbeitete, wurde dort das Zentrum Paul Klee eröffnet. Klee war für mich ein ständiger Begleiter. Und es ist schon schön, jetzt wieder auf eine wunderbare Klee-Sammlung zu stoßen und damit zu arbeiten.

Gibt es Neues zum Dada-König aus Hannover, Kurt Schwitters?

Die Ausstellung „Schwitters in England“ geht gerade zu Ende. Im Sprengel wird Schwitters mit dem Nachlass immer eine große Präsenz haben. Wir zeigen dort stets einen Ausschnitt aus der Sammlung. Im Haus wird ständig Schwitters-Forschung betrieben – derzeit wird z.B. in Kooperation mit der Bergischen Universität Wuppertal sein literarisches Werk ediert. Im Sprengel-Museum werden auch Ausstellungen vorbereitet, die dann als Export in die ganze Welt gehen.

Und die dann auch Geld einbringen?

Die zunächst einmal das Werk Schwitters verbreiten, das Sprengel Museum bekannt machen und dann schließlich auch noch die Arbeit des Schwitters Archivs refinanzieren sollen.

Ihr zweites Standbein ist die zeitgenössische Kunst in allen Medien und Erscheinungsformen. In Erinnerung ist mir noch Ihr Einstand in Düsseldorf an der Kunstsammlung, als Sie im Jahr 2000 mit Armin Zweite und Doris Krystof die Ausstellung „Ich ist etwas Anderes“ organisierten. Haben Sie diese Neugierde zu den digitalen Künsten in Ludwigshafen fortgesetzt? Und gibt es da Pläne für Hannover?

In Ludwigshafen bespielen wir kontinuierlich die Ausstellungsplattform „Display“. Da gibt es immer eine Video-Arbeit, die parallel zu den großen Ausstellungen gezeigt wird. Wir haben u.a. Arbeiten von Danika Dakic, Franka Hörnschemeyer oder Corinna Schnitt gezeigt, im Moment läuft gerade Bani Abidi. Auch in Burgdorf haben wir große Video-Installationen etwa von M + M oder von Piero Steinle vorgestellt. In Hannover hat Ulrich Krempel die Videoplattform „Blackbox“ eingeführt, die ich gerne weiterführen werdewürde. Auch in der Sammlung sollten bewegte Bilder künftig eine Rolle spielen. .

Wie ist es mit der jungen Kunst? Werden Sie die Reihe „Made in Germany“ fortsetzen? Wie ist es mit Künstlern aus Berlin, das ja nur 250 Kilometer entfernt liegt?

Ich würde „Made in Germany“ gern fortsetzen. Das hängt aber nicht von mir allein ab, das müssen ja auch die Kollegen vom Kunstverein und von der Kestner-Gesellschaft wollen. M und man muss sich gemeinsam auf ein tragfähiges Konzept verständigen.

Die Berliner Kunstszene muss man sicher nicht speziell mit einem „Berliner Schaufenster“ fördern, aber sie bietet natürlich ein fantastisches Künstlerreservoir. Näher als Berlin liegt zunächst einmal der „Raum 3“, also Hannover und vor allem auch Braunschweig, das mit der HBK ein starkes künstlerisches Potenzial hat und eine Präsenz im Sprengel Museum verdient.

Wie ist es mit der Fotografie? Auch wenn die Sammlung Ann und Jürgen Wilde mit rund 1500 Dauerleihgaben von Blossfeldt bis Christopher Muller nach München gegangen ist, beherbergt doch das Land Niedersachen das Archiv des Fotografen Heinrich Riebesehl mit 3700 Fotografien. Ich erinnere mich an eine wunderbare Ausstellung, in der Thomas Ruff zwischen Sammlungsstücken seine eigenen Werke hängte und für einen spannenden Dialog sorgte. Das Sprengel-Museum sammelt ja kontinuierlich Fotografie. Der scheidende Museumschef Ulrich Krempel sagte erst kürzlich, in den Erweiterungsbau von Sprengel, der Ende 2014 eingeweiht wird, komme die Fotografie mitsamt eigener Abteilungsleiterin. Was ist da geplant?

Fotografie ist ein Schwerpunkt der Sammlung, den es weiter auszubauen gilt!. Ich wünsche mir Hannover als eine der führenden Adressen für Fotografie in Deutschland.

Also von Dada bis heute?

Ja. Im Moment läuft die Erwerbung des UMBO-Nachlasses gemeinsam mit der Berlinischen Galerie und dem Bauhaus in Weimar, mit Mitteln der Kulturstiftung der Länder. Das ist ein wichtiger Eckpfeiler, nachdem die Sammlung Wilde leider nach München abgezogen ist. Aber wir haben natürlich auch bedeutende andere Bestände und Aussicht auf weitere bedeutende Zugänge. Als 1993 die Fotoabteilung gegründet wurde, hat Thomas Weski als der vielleicht renommierteste Foto-Experte in Deutschland hervorragende Aufbauarbeit geleistet. Seit seinem Wechsel 2001 führt Inka Schube diese Arbeit adäquat fort. Zukünftig wollen wir eine weitere Kuratorenstelle für Fotografie einrichten, um die Arbeit zu intensivieren.

Planen Sie Blockbuster-Ausstellungen wie „Marc, Macke und Delaunay“ mit 270.000 Besuchern?

So etwas lässt sich nicht so leicht planen. E und es bedarf vieler Voraussetzungen, um solche Erfolge zu erzielen. Picasso/Beckmann könnte so ein Projekt sein; wir werden sehen, ob es sich realisieren lässt und dann auch vom Publikum entsprechend angenommen wird..

Und die Zukunft des Museums?

Mir liegt daran, auch die Institution Museum weiter zu entwickeln. Und das heißt zum Beispiel, die Museumsarbeit nicht nur auf die räumlichen Grenzen des Gebäudes zu beschränken, sondern auch neue Formate für den urbanen Raum ooder auch für den digitalen Raum zu entwickeln, um Leute zu erreichen, die zunächst einmal nicht unbedingt ins Museum gehen würden.. In Ludwigshafen haben wir zum Beispiel einen Museumsgarten eingerichtet, der wie eine soziale Plastik von Beuys funktioniert – mit Leuten, die vorher kaum Museumsgänger waren. Auch am Maschsee gibt es sicherlich viele Möglichkeiten, in diese Richtung zu denken.

Reinhard.spieler@ludwigshafen.de

http://www.sprengel-museum.de

http://www.wilhelmhack.museum

von Helga Meister

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