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Magazin: Kulturpolitik · von Ingo Arend · S. 427 - 428
Magazin: Kulturpolitik , 1994

Ingo Arend
Kulturkitt

Europäische Integration: Kultur und Bildung statt Kohle und Stahl

Für deutsche Politik ist es völlig inakzeptabel, daß die Ostgrenze der Europäischen Union die Oder-Neiße-Grenze ist. Es wäre nicht nur inakzeptabel, es wäre katastrophal. Wenn Sie auf der Karlsbrücke in Prag stehen, dann sind Sie mitten in Europa und wenn Sie in Budapest die Chance haben, die ungarische Königskrone anschauen zu können, können Sie Europa fast mit Händen greifen. Und wir dürfen nicht vergessen, daß nicht nur das Mittelmeer, sondern auch die Ostsee europäische Meere sind.“

Die schlichten, gleichwohl richtigen Worte von Bundeskanzler Helmut Kohl bei seinem Vortrag mit dem Titel „Europas Standort in einer veränderten Welt“ während eines zweitägigen Europa-Kolloquiums der Universität Bonn Anfang Januar 1994 offenbarten die doppelte Krise Europas und das doppelte Dilemma der Europapolitik. Noch immer ist nicht klar genug in die Köpfe gedrungen, wie stark der Kalte Krieg Europa willkürlich geteilt und ein westlich reduziertes Europabild geprägt hat. Und auch ein anderes liebgewonnenes, bildungsbürgerliches Bild von Europa stimmt längst nicht mehr. Die aktuelle europäische Krise heute lehrt im Gegensatz zu bildungsbürgerlichen Euphemismen, daß das hehre europäische Kulturgut des Abendlandes uns mitnichten alle eint. Europa steht heute viel eher für Kulturkampf, gleicht einem Schlachthaus um kulturelle Werte. Wenn die jugoslawische Krise eins gelehrt hat, dann, daß es blutige Grenzen kultureller Gemeinschaftsbildung gibt. Im Grunde ist Europa heute eine Metapher für die umfassende Krise seiner gesamten Lebensweise: ökonomisch, ökologisch, kulturell und sozial. Politisch steht Europa damit vor einer völlig neuen Situation, in der „unsicheren Erwartung von etwas völlig…


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