Titel: Parasitäre Strategien , 2007

Sabine Fabo

Parasitäre Strategien

Einführung

Der Parasit ist schon aufgrund seiner etymologischen Herkunft mehr als nur ein biologisch definiertes, unerwünschtes Lebewesen. Als jemand, der neben „para“ einer Mahlzeit Nahrung „sitos“ angesiedelt ist, gilt er seit der griechischen Antike zunächst als Tischgenosse, als Gast. Auch wenn er nicht ausdrücklich eingeladen ist, kann er an der Tafel geduldet werden. Der biologische Blick der Neuzeit auf den Parasiten stellt eine Verengung auf bloßes Schmarotzertum dar, und es sind vor allem die kulturellen Diskurse der 80er Jahre, die den Parasiten zu einem Modell und einer Metapher für das intervenierende Andere erklärt haben.

Der Parasit als Kommunikator

Michel Serres hat 1980 eine Kommunikationstheorie des Parasitären formuliert, der zufolge der Parasit den Zustand eines Systems schrittweise verändern und destabilisieren kann.1 Serres ergänzt hier das klassische Modell des Dialogs durch kommunikative Strategien der Subversion, der Systemstörung, der Überlagerung und der Transformation. An die Stelle des Austauschs tritt „das Verhältnis des einfachen, nicht umkehrbaren Pfeils, der nur eine Richtung und kein Zurück kennt.“ (S.14). Trotz dieser Einseitigkeit der Beziehung, die zunächst das Klischee des parasitären Schmarotzers erhärtet, übt der Parasit in Hinblick auf sein Wirtssystem eine wichtige Funktion aus: Ähnlich dem plaudernden Gast an der griechischen Tafel erzeugt der Parasit als Gegenleistung zur Einladung Information, denn er „zahlt mit Information, mit Energie in mikroskopischer Größenordnung. [..] Der Parasit erfindet etwas Neues.“ (S. 59/60). Sein Besuch oder Eindringen führt langsam zu strukturellen Veränderungen im System, durch die Beunruhigung des Wirts entstehen Transformationen, welche die bestehende Ordnung in eine neue überführen können. „Der Parasit…

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