Fragen zur Zeit , 2007

Michael Hübl

Anhaltende Hämophilie

Blut in der bildenden Kunst und der allgemeine gesellschaftliche Trend zu Gewalt und Gewaltdarstellungen

Helden bluten nicht. Auf dem Katalog zur Ausstellung „(my private) heroes“, mit der 2005 das Projekt Marta Herford eröffnet wurde, prangt das Gelbe Trikot der Tour de France von 1997. Materialangabe: „Stoff (70% Polyester, 30% Nylon), Metall“ 1. Kein Blut. Die abgebildeten Kunstwerke erinnern zwar seitenweise an Grauen und Terror, Folter und Tod. Aber es fließt kaum Blut. Man sieht „Cortez“ (1991/92) von Jimmie Durham und denkt an den Genozid , der die indigenen Völker Südamerikas dahinraffte, aber die Plastik besteht aus Rohren, Blech, Maschinenteilen, einer Maske. Fast folkloristisch. Man trifft auf ein plastisches Ensemble, dem Jonathan Meese den Titel gab „Hagen von Tronje vs. Sigfried“ (2000), und wird auf die Blutspur gesetzt, die in der letzten Aventiure des Nibelungenlieds ins Unermessliche anschwillt, wenn jeder jeden erschlägt. Aber die Arbeit selbst sieht aus wie eine Neo-Dada-Variante auf Madame Tussaud’s. Erstarrtes Theater. Oder man wird – drittes Beispiel – konfrontiert mit der Aufnahme einer zerschlissenen, teilweise notdürftig geflickten KZ-Kluft, die Erich Hartmann aufgenommen hat. Nur erinnert sie mehr an die ausgetrockneten Schaustücke eines ethnographischen Museums, als dass sie die Praktiken eines Schreckensregimes evozierte.

Allerdings war die Konzeption der Schau weiter gespannt: Die Definition des Helden blieb nicht auf schwerblütige Schwertschwinger, blutrünstige Ballermänner oder MG-bewaffnete Machos beschränkt. Ihr Kurator, Jan Hoet, hielt sich an ein Heldenbild, „das eher dem des Antihelden entspricht“ 2. Folglich nahm er nicht nur Krieger, sondern auch alle möglichen anderen…

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von Michael Hübl

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