Magazin: Bücher · von Rainer Metzger · S. 398
Magazin: Bücher , 2003

Rainer Metzger

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Folge 9

Im März 1986, auf dem Höhepunkt des Simulations-Hypes, erschien ein „Kursbuch“ zum Thema „Sprachlose Intelligenz?“. Klaus Laermann, der Berliner Germanist, publizierte unter dem mittlerweile selbst zum Klassiker gewordenen Titel „Lacancan und Derridada“ darin sein Dementi gegen die „Frankolatrie in den Kulturwissenschaften“. Es war eine altlinke Haltung, die seinen Widerstand antrieb gegen die Postmodernen, die aus Frankreich über den Rhein brandeten, die sich marxistisch gebärdeten, aber auch schon mal Giscard d’Estaing im Wahlkampf unterstützt hatten. Jenseits allen Unbehagens enthält Laermanns Text eine Sentenz, die heute, zu Zeiten des Gender-Hype, ungebrochen gültig ist: „Die Sekundärrezeption, die für jede Wissenschaftsmode kennzeichnend ist, ergibt sich aus den Schwierigkeiten, die zentralen Arbeiten einer Theorie zur Kenntnis zu nehmen.“ Würde man Derrida oder Donna Haraway womöglich im Original lesen, würde es schwieriger werden mit den Kampfbegriffen, die man ihnen abzulesen meint, um daraus Karrieren zu basteln.

Damals war es in erster Linie Baudrillard, den man nicht las. Oder wenn man ihn las, blickte man an Althusser oder Deleuze vorbei, die mittlerweile als Denker für bedeutender gehalten werden und die ihrerseits mitgeholfen hatten an Baudrillards Bausteinen zu einer Gegenwartsanalyse. Und schließlich: Wenn man „Kool Killer“ las oder andere der Aufsätze zum Zeichengebrauch, die bevorzugt bei „Merve“ erschienen, dann übersah man den Exzerptcharakter dieser Texte. Sie sollten beitragen zu einer weitaus umfassender gedachten Theorie. Baudrillards Hauptwerk heißt auf deutsch „Der symbolische Tausch und der Tod“, und wie jede Konstruktion mit dem Anspruch auf eine totalisierende Sicht der Welt hat auch Baudrillards Opus ein Telos, eine Perspektive, in…

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