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Essay · S. 74 - 77
Essay , 1990
ANMERKUNGEN ZUR »NEUEN BÜRGERLICHKEIT«

VON JÜRGEN RAAP

Kaum ein Begriff ist in den letzten zwanzig Jahren ärger strapziert worden als das Wort „bürgerlich“: In der subkulturellen Alternativbewegung gilt diese soziologische Klassenbezeichnung als Schimpfwort – ein Synonym für eine spießige Behäbigkeit, deren Protagonisten, sofern sie sich mit geschmacksverirrter und biederer Versandhauskultur umgeben, im aktuellen scene-Jargon auch „Ottos“ genannt werden. Zogen die Kinder von Marx und Coca Cola mit „Kampf dem Konsumterror“-Parolen gegen die Normen und Wertvorstellungen der Wohlstandsgesellschaft zu Felde, mit der Aussteiger-Sehnsucht nach Einfachheit und Ursprünglichkeit als anti-bürgerlichem Lebensideal, so folgte darauf zwangsläufig der Hedonismus der Yuppie-Generation. Gleichwohl haben die Lebensmuster dieser Teilkulturen in die Gesamtgesellschaft hineingewirkt: Die Attacken der „neuen sozialen Bewegungen“ gegen die Grundwerte der bürgerlichen Ideologie veranlaßten mittlerweile die CDU, ihr Frauenbild zu modernisieren, und neben den Verzichtsdoktrinen der Ökobewegung breitete sich auch ein verstärktes Bedürfnis nach Rustikalität aus – als gastronomische Etikette erfuhr die einst als altmodisch und ernährungsphysiologisch bedenklich bemäkelte Hausmannskost als „gutbürgerliche Küche“ gar eine Nobilitierung gegenüber der aus feudaler Tradition entstandenen Haute Cuisine. Bundeskanzler Kohl pflegt immerhin regelmäßig François Mitterrand und George Bush mit Gastgeschenken in Form von Pfälzer Leberwurst zu erfreuen und liegt damit voll im Trend.

Da verschieben sich Werte und Begriffe, und die deutsche Linke hat mit der „Neuen Bürgerlichkeit“ ihre liebe Not. „konkret“-Herausgeber Hermann L. Gremlitza mokierte sich über die DDR-Übersiedler mit der gehässigen Einlassung, jetzt werde schon ein Markenpullover in den Status des Menschenrechts erhoben. Der „Spiegel“ konterte, eben jene Linke habe aus ihrer Perspektive den real-existierenden Sozialismus immer nur als…

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