Ausstellungen: Basel , 2007

Hans-Dieter Fronz

Robert Gober

»Work 1976-2007«

Schaulager Basel, 12.5. – 14.10.2007

Eine berühmte Definition beschreibt den Surrealismus im Bild eines unwahrscheinlichen Rendezvous der Dinge – als „zufällige Begegnung eines Regenschirms mit einer Nähmaschine auf dem Seziertisch“. Das Eigenleben der zur Autonomie erwachten und aus dem Ruder laufenden Dingwelt in der surrealistischen Phantasie lässt sich als Chiffre der Abdankung der rationalen Vernunft in der écriture oder – analog dazu – peinture automatique lesen. Indem die Vernunft in Robert Gobers Kunst den Dingen ganz lange Leine lässt, erweist sich der Amerikaner als Enkel der Surrealisten. Auch bei ihm kommt es zu seltsamsten Begegnungen – etwa wenn ein Vogelnest in einem Spülbecken an der Stelle des Abflusses platziert ist. Oder wenn ein Ochsenjoch eine geschnitzte Figur des Gekreuzigten überwölbt, während im Kaminfeuer darunter Kindesbeine knistern.

Aus seiner surrealistischen Abkunft hat Gober nie einen Hehl gemacht; er stellt sie vielmehr – auch das zeigt jetzt die umfangreiche Retrospektive im Schaulager in Basel – geradezu bekenntnishaft heraus. Sein blutendes Gewehr zitiert ostentativ Magrittes blutende Statue; auch in seiner überdimensionierten Zigarre oder dem behaarten Schuh lässt der Belgier grüßen. Die Winchester auf einem Korb mit Äpfeln aber zerläuft wie Dalís Uhren. Ganz surreal wird’s, wenn einem Stück Käse eine Haarsträhne wächst oder ein weiblicher Rumpf ein beschuhtes Männerbein gebiert.

Dass diese späte Spielart des Surrealismus ursprünglich fest in der Alltagsrealität verwurzelt ist, macht sie umso befremdlicher, surrealer. Denn begonnen hatte Gober mit Zeichnungen, die mit minimalistischem Strich alltägliche Dinge vergegenwärtigen: Kofferradio und Aschenbecher, Sonnenbrille und Geschirr; nach dem Vorbild der Pop Art…

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von Hans-Dieter Fronz

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