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Magazin: Bücher · von Gabriele Bessler · S. 406 - 405
Magazin: Bücher , 2002

Sammeln als Wissen

“Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sammlungen etwas Peinliches für die Wissenschaften am Anfang des 21. Jahrhunderts darstellen”. Kaum zu glauben, aber tatsächlich passten Anschauung und (Natur-) Wissenschaft lange nicht zusammen, die Verdinglichung wissenschaftlicher Erkenntnisse war geradezu verpönt und an eine Aufarbeitung von Wissenschaftsgeschichte aus kulturgeschichtlichem Blickwinkel war erst recht nicht zu denken – am ehesten vielleicht im englischsprachigen Raum. Thesen wie die des französischen Philoethnologen Bruno Latour, der in den 1990er Jahren die angeblich durch die Aufklärung vollzogene Trennung zwischen Objekt und Subjekt, Natur und Gesellschaft usw. schlichtweg verneinte, waren noch fern. Dabei liegt es doch eigentlich auf der Hand: die Beziehung von Menschen und (Wissen vermittelnden) Dingen hat es immer gegeben, also muss sie sich auch wissenschaftlich fassen und analysieren lassen. Dankenswerterweise ließen sich die Kulturpädagogin Anke te Heesen und die Naturwissenschaftlerin Emma C. Spary vom Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte – müßig zu sagen, dass diese Einrichtung auch noch keine Ewigkeit besteht – von diesem Gedanken beflügeln und luden einige internationale Vertreter dieser jungen Disziplin ein, die unterschiedlichsten Bedeutungsaspekte von Dingen anhand einer “angewandten Sammlungsgeschichte” zu beleuchten, wobei besonders die Ordnungsorientierten Naturalienkollektionen des 18. sowie Anschauungsobjekte aus Medizin und Psychoanalyse des 19. Jahrhunderts in den Blick rücken: mündend etwa in die Beschreibung ,säkularer Reliquien’ des Berliner Pathologen Rudolf Virchow (“Kein Tag ohne Präparat”) und jene der “Objekte des Unbewussten” aus der Praxis des Pariser Wegbereiters der experimentellen Psychologie Jean-Marie Charcot. Viele der in seinem Museum gesammelten Fetische, Bilder und Büsten waren bei der diagnostischen…

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von Gabriele Bessler

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