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Titel: Pläne - Projekte - Perspektiven · S. 114 - 118
Titel: Pläne - Projekte - Perspektiven , 1990

Jürgen Raap
»Seismograph der Veränderungen«

Stichwort Kulturausgaben

Die Städte seien „Zukunftslabors für neue Gesellschaftsentwürfe“, meint der NRW-Städtetag in seinem Positionspapier „Standort Kultur“1, und dabei nehmen Kultur und Kulturpolitik eine Schlüsselrolle ein – als ein „Seismograph gesellschaftlicher Veränderungen“. Tatsächlich sind alle politischen, wirtschaftssystematischen und strukturellen Wandlungsprozesse, die wir derzeit durchleben, auch Kulturprozesse, ob nun der demokratische Aufbruch in den bislang sozialistischen Ländern „wesentlich von Künstlern ausgelöst und mitgetragen wurde“2, ob das Nationalitätenproblem in einigen osteuropäischen Ländern ein Kampf auch um kulturelle Identität ist oder ob die Einführung des EG-Binnenmarktes die alten Nationalstaaten zugunsten einer multikulturellen Gesellschaft auflösen wird.

Der „Kultur-Boom“ der letzten anderthalb Jahrzehnte war zumindest in der Bundesrepublik auch ein regressives Moment als Konsequenz einer „Tendenzwende“ zum Konservativen oder gar Ent-Politisierten, ein hedonistisches Ritual der Zeitgeist-Generation. Aber dahinter verbergen sich noch andere Bedürfnisse: Das Wohlstandswachstum hatte und hat ja auch einen allgemeinen Anstieg des Bildungsstandards zur Folge, der auch den Qualifikationsanforderungen von Wirtschaft und Industrie entgegenkommt. Aber damit ist auch vielfach ein Einstellungs- und Wertewandel verbunden, der in der Kulturrezeption eine Möglichkeit zur Orientierungshilfe und das Modell einer „Sinnstiftung“ sieht: Kunst als Ersatzreligion.

Der Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft zeigt sich in einer neuen sozialethischen Definition des Begriffs „Arbeit“ und der Neustrukturierung von Arbeitsprozessen. Die starren Produktions- und Dienstleistungszeiten werden aufgebrochen; da bietet heute nicht nur der Einzelhandel seinen „langen Donnerstag“ an, auch die Museen schließen längst nicht mehr täglich um 17 Uhr ihre Pforten, sondern halten diese an ein oder zwei Abenden bis 21 oder gar 22 Uhr offen, begleitet von diversen…


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