Ausstellungen: Göttingen · von Dirk Schwarze · S. 419
Ausstellungen: Göttingen , 1996

Dirk Schwarze

Thomas Florschütz

»Vor dem ersten Blick«

Kunstverein Göttingen, 14.1. – 11.2.1996

Seit Jahren hat es keine vergleichbar intensive Auseinandersetzung der Kunst mit ihren aus der Fotografie abgeleiteten Möglichkeiten gegeben, wie wir sie derzeit erleben. Das begann mit der „Art Cologne“ im November 95, setzte sich in den beiden Großausstellungen „Fotografie nach der Fotografie“ (München) und „Prospect“ (Frankfurt) fort und endet keineswegs bei den zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen. Erstaunlich allerdings ist, daß etliche dieser kleineren Veranstaltungen nachdrücklicher Neuland erkundschaften, als es etwa die anspruchsvolle Schau „Prospect“ in ihrer Gesamtheit vermag.

Der aus Zwickau stammende Thomas Florschütz (Jahrgang 1957) ist keine Neuentdeckung auf dem Kunstmarkt. Doch außerhalb Berlins war er in den letzten Jahren mit seinem Werk eher im Ausland präsent als in den anderen Teilen der Republik. Dabei hat kaum ein zweiter Künstler die Distanz zum Bild des Körpers so radikal verkürzt. Die Nähe wird bei Florschütz aufdringlich. Es ist, als könnte man dem Hautkontakt gerade dort nicht mehr entgehen, wo man ihn nicht sucht – nämlich da, wo die verklärte Schönheit der Wahrheit weicht, wo sich die Haut blau und rötlich färbt, wo Adern und Venen hervortreten und wo die Haare sprießen, kurz, wo der Blick auf die Haut medizinisch wird. Für den Kunstverein Göttingen stellte Florschütz eine repräsentative Auswahl seiner jüngeren Arbeiten unter dem Titel „Vor dem ersten Blick“ zusammen, wobei er neben großen mehrteiligen Bildtafeln auch kleinere Reihen zeigte.

Die Bilder von Florschütz haben mit der Aktfotografie wenig gemein, auch wenn gelegentlich intime Körperzonen aufgenommen worden sind. Aber Florschütz wählt so radikale…

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