Titel: Über das Kanonische · von Rainer Metzger · S. 38
Titel: Über das Kanonische , 2002

Über das Kanonische

HERAUSGEGEBEN VON RAINER METZGER

„Kanonisation bedeutet Heiligsprechung. Wie aber macht man Romane zu Heiligen? Nun, wie im richtigen Leben: Man enthauptet und häutet sie, schneidet ihnen die Extremitäten ab und röstet sie, reißt ihnen das Herz aus der Brust und die Augen aus dem Kopf.“

Drastisch ist es schon, was sich der Jungautor Thomas Hettche in der F.A.Z. vom 22. Mai 2002 einfallen ließ, um Altkritiker Marcel Reich-Ranicki und dessen bezeichnenderweise „Der Kanon“ genannte Zusammenstellung seiner zwanzig deutschsprachigen Romane in den Orkus des Belanglosen zu stoßen. Reich-Ranickis Kanon ist die momentan lauteste Kundgebung in einer Diskussion, die in der Literatur sowieso Blüten treibt. „Die kurze Geschichte der deutschen Literatur“ des Stuttgarter Germanisten Heinz Schlaffer, die ihrerseits mit dem bestimmten Artikel arbeitet, ist die erfolgreichste akademische Publikation seit Jahrzehnten. Das „Bildung“-Buch des Ex-Anglisten Dietrich Schwanitz versucht gleich insgesamt verbindlich zu machen, was man wissen muss. Harold Blooms „The Western Canon“ war für den angelsächsischen Bereich vorgeprescht – auch wenn es in typisch hegemonialer Haltung meint, für die Weltliteratur zu sprechen. Hegemonisierung ist immer schon eine Angelegenheit des Kanons gewesen.

Reich-Ranickis „Kanon“, so fährt Hettche fort, „will die Vision einer Literatur sein und ist doch nur eine Totenliste. Und beim Lesen dieser Liste merkt man und wird von Namen zu Namen trauriger darüber, dass sie keine Vielfalt kennen, nichts Spielerisches und keine Fülle der Literaturen, sondern tatsächlich nur Kanonisation im bleiernsten, repressivsten Sinne betreiben will.“

Die Fronten sind die ewig aktuellen. Dort der prinzipiell steinalte Kanoniker, der aller Lebendigkeit den Garaus macht; hier der…

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