Ausstellungen: Zürich · von Jochen Becker · S. 361
Ausstellungen: Zürich , 1997

Jochen Becker

Universal. Für fast alle und alles

Museum für Gestaltung Zürich, 30.10.1996 – 5.1.1997

Im Frühjahr 1958 strömten fünf Wochen lang über 50.000 BesucherInnen in das damals noch Kunstgewerbemuseum genannte MfGZ, um die weltumspannende Fotoinstallation ‚Wir Menschen (Family of Man)` zu sehen. Weltweit über eine Million hatten diese vom New Yorker Museum of Modern Art ausgehende Schau bereits vor ihnen besucht. 39 Jahre später erkundet die Ausstellung ‚Universal. Für fast alle und alles` die Faszination am Weltumspannenden und Allgemeingültigen. Die von Martin Heller betreute Ausstellung rangiert dabei zwischen universalem ‚Weltbürgertum` und ‚globaler Wirtschaftsordnung`. Eckpunkte wären hierfür einerseits die Niederlegung allgemeiner Menschenrechte in der ‚International Bill of Human Rights`, andererseits die internationale Gültigkeit beanspruchenden Regularien für EAN-Strichcodes auf handelsüblichen Verpackungen. In der Ausstellung ausliegende Ge- und Verbotstafeln schreiben hierbei fest, welche Farbkom- binationen der Auffassungsgabe von Lasergeräten widersprächen.

Über 200.000 Internetseiten ließen sich mit Hilfe des Suchbegriffs ‚universal` studieren. Für ‚universal` schlägt das Synonymprogramm meines Computers ‚vielseitig‘, ‚allgemein‘ und ‚global‘ vor. Analog hierzu finden sich in der Zürcher Ausstellung das Vielzweckmesser der Schweizer Armee, die Socke und eine Karte weltumspannender Glasfaser-Datennetze. Die Universalwürze Maggi, Reclams Universalbibliothek und der Uhu Alleskleber, ein anpassungsfähiger Sitzsack, Miss Univers-Wettbewerbe oder das multifunktionale Werkzeug für Schaufensterdekorateure, Kaugummis mit Nationalemblemen, eine Werbung für ‚global banking`, die Logos multinational operierender Unternehmen auf Pappkarton-Schnippseln oder Esperanto-Sprachkassetten stapeln sich in als Schaukästen umfunktionierten Allzweck-Plastikboxen. „Daß alles zu allem paßt, erwarten wir ganz einfach“, behauptet das Deckblatt des aufwendigen Katalogs. In der Spätmoderne für Anfänger hatte alles noch mit allem zu tun, und der…

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