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Ausstellungen: Berlin · von Hermann Pfütze · S. 348 - 349
Ausstellungen: Berlin , 2001

Hermann Pfütze
VULGATA – Kunst aus Slowenien

Neuer Berliner Kunstverein, 12.5. – 24.6.2001

Die Frage “Wozu Kunst?” ist manchmal ganz einfach zu beantworten: Ohne Kunst wäre alles noch schlimmer. Mühseliger Alltag, deprimierende Aussichten und schreckliche Politik – dagegen helfen, von heroischem Widerstand und widerstandslosem Mitmachen einmal abgesehen, nur Flucht, Beten und eben Kunst. Die Ästhetisierung der Politik, hier die Verkunstung des slowenischen Nationalismus, führt nämlich nicht immer zum Faschismus, wie Walter Benjamin seinerzeit befürchten musste, sondern manchmal auch zu befreiendem Gelächter über nationale Selbstschau und ethnische Identitätsbeschwörung.

Der Witz, ja der Kunstgriff dieser Verkunstung der slowenischen Identität ist die methodische Entkunstung des Ganzen. Alltagsdinge, Symbole, Naturschönheiten, Gedanken und Tatsachen werden ästhetisch betrachtet, präpariert und exponiert. So gewinnen wir, mit Pierre Bourdieu zu sprechen, zu ihnen die “ästhetische Einstellung … distanzierten und selbstsicheren Verhaltens zur Welt”. Dieser methodische Abstand vom Eigentlichen ist nicht nur ein Distanz-, sondern auch ein kultureller Gewinn. Denn eigentlich sind die Dinge trivial und uninteressant, aber als Exponate gewinnen sie kulturellen Wert und ermöglichen jene ästhetische Einstellung, ohne sich mit ihnen identifizieren zu müssen. Identifikation mit dem Eigentlichen ist die Maxime des Nationalismus, und dagegen ist diese Ausstellung eine eher kunstlose, aber ästhetisch raffinierte Lockerungsübung.

Denn was hier gezeigt wird, ist im strengen Sinn keine Kunst. Video-Interviews mit jungen Leuten, Vitrinen mit pseudo-wissenschaftlichen Exponaten, Hochglanzfotos hässlicher Zimmerdetails, Mineralwasser-Reklame, ein Aquarium und eine Wand mit schwarzgerahmten Bildern wie vom Flohmarkt – niemand würde diese Dinge als Kunst gelten lassen, nicht einmal ungebildete Politiker, die mit repräsentativen Sachen ästhetisch Staat machen wollen. In…


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