Ausstellungen::: Paris , 2007

Christian Huther

A. R. Penck: Retrospektive

Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main, 15.6.-16.9.2007

Kunsthalle Kiel, 29.9.2007-5.1.2008

Musée d’art Moderne de la Ville de Paris, 14.2.2008-5.5.2008

Auf den ersten Blick ähneln sich die zwei mächtigen Bilder. Aber der „Osten“, so der Titel des ersten Bildes, ist dunkler. Vor schwarzem Hintergrund tummeln sich weiße Figuren, Symbole und Buchstaben. Der „Westen“ dagegen ist strahlend weiß und hat schwarze Symbole. Dennoch unterscheiden sich die Bilder nicht wie Tag und Nacht, Licht und Schatten, Paradies und Gefängnis. Denn im „Osten“ haben die Figuren viel Raum zur Entfaltung, der „Westen“ dagegen ist ein Wirrwarr der Kräfte. So sah 1980 der Künstler-Blick auf zwei Welten aus, als A. R. Penck von Dresden nach Kerpen bei Köln übersiedelte, zermürbt vom ständigen Kampf mit den Behörden. Jetzt hingen diese beiden Bilder in der Frankfurter Schirn Kunsthalle bei einer großen Penck-Schau gegenüber.

Seit der letzten Retrospektive 1988 in Berlin ist viel Zeit vergangen. Da stand noch die Mauer. Inzwischen hat sich die Welt grundlegend gewandelt. Nun wagte sich die Schirn mit neuem Mut ans Werk des mittlerweile 67-jährigen Künstlers – und brachte eine klug durchdachte, geschickt inszenierte Schau zustande, die derzeit als zweite Station in der Kieler Kunsthalle und danach in Paris zu sehen ist. A. R. Penck war in den 80er- und 90er-Jahren auf allen wichtigen Ausstellungen dabei und im Kunstmarkt ähnlich präsent. Damals war seine eingängige Systemkritik in Form von Strichmännchen und banalen Symbolen allerorten gefragt. Doch diese Allgegenwart hat ihn auch fast verschlissen. Inzwischen ist es ruhiger geworden um den Mann, der eigentlich Ralf Winkler heißt, sich aber seit 1968 nach dem Dresdner Geologen und Eiszeitforscher Albrecht Penck nennt. Und der die Kürzel von Eiszeit und Computer, Drache und Roboter, Prähistorie und Vision mixt.

Freilich wurde er im Westen nicht heimisch und lebt schon seit geraumer Zeit zurückgezogen in Irland. Über seine Kunst mag er nicht reden. Penck wurde oft von Menschen enttäuscht. Ein schwieriger Fall also. Doch eine gewisse zeitliche Distanz zur letzten Retrospektive verhilft oft zu einem anderen Blick. So ergeht es dem Betrachter auch bei dieser Schau. Von einem „bekannten Unbekannten“ spricht Schirn-Kuratorin Ingrid Pfeiffer. Seine vordergründig einfache Kunst machte ihn zwar populär, stand aber zugleich einem umfassenden Verständnis für das Werk im Weg. Das bisher vernachlässigte bildtheoretische Denken rückt die Schau anhand von 130 Bildern, Skulpturen und Objekten sowie 70 Künstlerbüchern stärker ins Zentrum. Und trotz des Verzichtes auf eine strikte Chronologie ist ein guter Überblick seit 1960 möglich.

Dabei wird der Künstler erstmals von seinem Strichmännchen-Image befreit. Dass es ihm um mehr geht, wird bereits im ersten Saal deutlich mit einem Querschnitt seines Schaffens anhand von rund 20 Bildern. Als Menetekel des Mauerbaus balanciert im „Übergang“ ein Strichmännchen über ein brennendes Seil, um auf die andere Seite zu gelangen. Dieses graue Bild mit dem riesigen Seiltänzer-Strichmännchen malte Penck 1963. Der Bau der Berliner Mauer lag bereits zwei Jahre zurück. Aber den Dresdner Künstler beschäftigte nach wie vor der Unterschied der Systeme zwischen Ost und West. Im „Großen Weltbild“ von 1965 dagegen streiten und kämpfen, umarmen und küssen sich die Strichmännchen. Doch eine unsichtbare Grenze bleibt, auch wenn beide Seiten in einem roten Boot sitzen. Umschlossen werden sie vom Gehirn des Künstlers, das im dunklen Weltraum zu schweben scheint.

Bei einer solch zwiespältigen Künstler-Identität liegt es auf der Hand, dass Penck oft Zuflucht in Selbstporträts sucht, die allerdings höchst unterschiedlich ausfallen. In grotesker Kindermanier und mit glühenden Farben malte er 1965 die „Freundesgruppe“ mit dem als Vaterfigur verehrten Kollegen Jürgen Böttcher-Strawalde, dem Barden Wolf Biermann und dem Kollegen Georg Baselitz, der den vermeintlich kleinen oder zwergenhaften Künstler – Penck war damals bereits 26 Jahre alt – an der Hand hält. Dieses biografische, daher stark farbige Gemälde ist wesentlich erzählerischer als Pencks systemkritische Bilder. Dennoch hielt der Künstler den Sozialistischen Realismus des Ostens für verlogen, ähnlich wie die politisch indifferente Abstraktion des Westens. Er wählte einen dritten Weg und erfand eine Kunst zwischen Höhlenmalerei und Kinderzeichnung. So wandelte er sich zum symbolreichen Fabulierer, wie sein monumentales „Quo vadis Germania“ von 1984 in Schwarzweiß zeigt. Das Bild ist eine krude Mischung aus Menschen, Tieren und urzeitlichen Symbolen.

Aus dieser Mixtur hatte Penck eine visionäre Bildtheorie entwickelt, die zur Veränderung der Gesellschaft beitragen sollte. Aber diese Ideen legte er bald auf Eis. Die Schirn fächert sie nochmals auf und zeigt dabei einen vielseitig interessierten, hochgradig intellektuellen Künstler. Diese „Standart“-Bilder der frühen Siebziger sollten, ähnlich wie Esperanto, von jedem verstanden und angewandt werden. Sie sind gemalte Manifeste: Linker Hand stehen Begriffe wie Sensualismus, Technologie und Psychoanalyse oder simple geometrische Zeichen, rechter Hand herrscht ein farbenfreudiges Treiben von Symbolen. Die Theorie wird in die Praxis überführt. Es ist eine Art gemalter Konzeptkunst. Und der Begriff „Standart“ entstand aus dem Wortspiel von Standard und Standarte.

Freilich merkte Penck bald, dass Kunst nicht zur Systemveränderung taugte. Seither dient sie ihm als Kommunikation über Schrift, Sprache und Zeichen. Und das ist auch der rote Faden der Schau, der sich freilich mitunter als Crux erweist. Denn der Betrachter ist hin- und hergerissen zwischen den Symbolen und einer durchaus auch emotionalen Malerei. Nach 1980 indes, das zeigt der Gang durch die Schau, werden die Bilder zwar farbiger, scheinen aber an Biss zu verlieren. Im Osten, den Penck mit einer Wüste vergleicht, kam er als Künstler besser zu Recht als im Westen, den er als Dschungel charakterisiert.

Dabei hat Penck durchaus Humor. Seinen tiefsinnig-ironischen Umgang mit Bild und Sprache illustrieren anschaulich die Künstlerbücher, die eigentliche Entdeckung der Schau. Eine fast unbekannte Seite Pencks wird erstmals breit dokumentiert. Seit den 60er-Jahren kritzelt er auf Notizblöcke, Tagebücher und alte Kladden seine Einfälle zwischen Sprache, Schrift und Bild. Fast mahnend heißt es etwa in einem Buch: „Du liest auf dieser Seite wieder nur Texte. Der Text ist aber auch ein Bild“. Und 1972/74 reimte Penck: „Daddy, Dada, tadelt, tattrich, Damen“. Ähnlich schöne Assoziationsketten finden sich auch im 422-seitigen „Ich bin ein Buch, kaufe mich jetzt“ (1976). Lapidar heißt es auf dem ersten Blatt: „Ich bin ein Buch“, auf der nächsten Seite „Ich bin kein Buch“, dann „Ich bin ein Bild“. Und so geht das Verwirrspiel munter weiter. Penck spielt geschickt mit der Sprache und lässt dabei vor dem geistigen Auge des Lesers auch regelrechte Bilder entstehen. Dieser Künstler hat Poesie im Blut. Penck ist eben doch mehr als nur der Strichmännchen-Maler zwischen Ost und West.

Der Katalog umfasst Beiträge von I. Graw, M. Hollein, H. Kunde, A. R. Penck, I. Pfeiffer, K. Power, P. Rathgeber und J. Schweinebraden Freiherr von Wichmann-Eichhorn (306 S., 34 Euro).

von Christian Huther

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