Ausstellungen: München , 2004

HEIKE ENDTER

Atelier Europa: ein kleines postfordistisches Drama

Kunstverein München, 3.4. – 13.6.2004

Die Überschrift ist betont eurozentrisch und innerhalb dieses Zentrums wieder raumübergreifend. Das betrifft Atelierräume wie Staatsräume. Es wird ein Drama angekündigt, was man als Erzählform und Emotionsform erwarten kann. Beides trifft zu. Es ist eine Ausstellung zu Lebens- und Arbeitsbedingungen von KulturproduzentInnen in Europa. Weil die Ausstellenden sich selbst als solche Produzierenden verstehen, lässt sich zu Recht eine Nabelschau der Beteiligten vermuten.

Aber – und es gibt mehrere Gegenargumente – die Ausstellung ist auf eine Passage des Schröder-Blair-Papiers von 1999 bezogen. Worin KulturproduzentInnen als gesamtgesellschaftliches Vorbild, dank der ihnen eigenartigen Flexibilität, Mobilität, Eigeninitiative und Kreativität, propagiert wurden. Daraus ergab sich die Frage und damit ein Motiv der Ausstellung, wie dieses gesellschaftliche Vorbildmodell funktioniert, wie funktionstüchtig es ist (und deshalb auch wie empfehlenswert es sein kann).

Ein zweites Aber ergibt sich ebenso aus dem zeitgeschichtlichen politischen Kontext. KulturproduzentInnen die einer klassischen Linken angehörten, beschäftigten sich häufig mit Lebens- und Arbeitsbedingungen von ArbeiterInnen, also den Bedingungen Anderer. Wenn sie nun sich selbst thematisieren, kann das die Nabelschau-These nicht entkräften. Dafür hat die Beschäftigung mit sich selbst eine neue strukturelle Bedeutung, wenn man, statt sich für und über andere zu äußern, sich zu Anderen in denselben sozialen Zusammenhang stellt. Die entsprechenden traditionellen, politischen, teilweise marxistisch-ökonomisch geprägten Vokabeln wurden dabei auf kulturelle Handlungen übertragen. Das hat außerdem den Effekt, dass die eigene kulturelle Arbeit gleichartig respektabel erscheint, wie die nützlichste materielle.

Ein vielschichtiges Beispiel ist die gemeinschaftliche Videoarbeit von Marion von Osten, Brigitta Kuster und Katja Reichard….

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