Magazin: Museen & Institutionen · von Marius Babias · S. 404
Magazin: Museen & Institutionen , 1992

Berliner Sommertheater

Die Projekt-Flops »37 Räume« und »Wien in Berlin«

Die Idee könnte dem Fremdenverkehrsamt eingefallen sein, wären nicht der Hauptkustos der Neuen Nationalgalerie, Wulf Herzogenrath, und Klaus Biesenbach vom alternativen Kunstverein „Kunst-Werke“ schon darauf gekommen. Zwei Tage nach Eröffnung des Disneylands documenta wurde im Berlin die Kraterlandschaft des Scheunenviertels für die erwartete, aber leider ausgebliebene Kunstkarawane zur Besichtigung freigegeben. Ein Fußballspiel zwischen Kunstvermittler und Künstler eröffnete das Ausstellungsprojekt „37 Räume – Eine Feldforschung“ – eine Chambre d’amis für Arme. Es folgte in Idee und Ausführung nicht lediglich jener beispielhaften Präsentation 1989 in Gent, sondern auch einer bundesweiten Kriechspur, welche die documenta von Hamburg über Stuttgart, von Bonn bis München zog.

Der ruinöse Charme rund um die Auguststraße, wo sich zig Künstlerinitiativen eingenistet haben und wo 37 sogenannte Kurator/innen in leeren Räumen einen schmuddeligen Aktionismus auslebten, verklebt den Blick auf die dringlicheren, die sozialen Probleme. Die Besitzverhältnisse im zukünftigen Regierungsviertel sind ungeklärt und Besetzungen an der Tagesordnung. In leeren Wohnungen läßt man nachts das Radio laufen und das Licht brennen, um Besetzer abzuschrecken. Telefonleitungen werden zum Nulltarif angezapft. Spekulanten kaufen Rückübereignungsansprüche en masse auf.

Sind Künstler/innen die Avantgarde des erwarteten Booms? Interessenvertreter eines Planspiels aus dem Hause des Senators für Stadtentwicklung, Hassemer? Nicht anders als in Soho und East Village erhöht die Kunst auch hier schrittweise die Lebensqualität und wertet über kurz oder lang die Immobilien auf. In der Kunstzeitschrift „neue bildende kunst“ wurde dem Verein Kunst-Werke „CDU-Interessenvertretung“ vorgeworfen, er sei „ein kompatibles Kulturunternehmen, dessen Programmatik sich wie die linientreue Adaption politischer Sonntagsreden liest“.

Immerhin…

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